Mörder sind tolle Leute. Jeder hat sie gern. Jeden Abend dürfen sie im Fernsehen ihrem blutigen Handwerk nachgehen zur Unterhaltung von Millionen. Und wenn sie mehr als einen schlachten, dann kommen sie sogar ins Kino. Hannibal ist ausverkauft.

Der Serienmörder im Filmzuschnitt ist der Grausam-Sensible, von krimineller Energie Berstende, der ganze Mordkommissionen 150 Minuten lang in Atem hält und zum Ende des Dramas entweder, eingekreist von Helikoptern, umstellt von Fragen, Aug in Aug mit einer schönen Beamtin im Feuerwerk der Dialoge, sich sein Geheimnis entlocken lässt oder dank seiner Genialität doch noch einmal entkommt. Ein letztes Mal vielleicht. Ach, wie herrlich er sein kann, der gewaltsame Tod. Ach, wie aufregend sie sind, die Halsabschneider.

Ein Polizist aus Düsseldorf hat ein Buch geschrieben: Das Hannibal-Syndrom. Es handelt von den Serienmördern, die in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ihr Unwesen trieben. Und Stephan Harbort, der Autor, kennt sie alle. 75 Personen sind es, die für mindestens drei - in der Regel weit mehr - vollendete Mordtaten einsitzen oder einsaßen, bis der Tod sie befreite. Nicht eingerechnet sind jene über 100, denen man von einer vermuteten Serie nur eine oder zwei Taten nachweisen konnte, und auch nicht die 22 Mordserien, bei denen der Täter nie gefasst worden ist.

Harbort sichtete mehrere hunderttausend Seiten Material, er hat die vergangenen Jahre damit zugebracht, Polizeiakten auszugraben, Obduktionsberichte, Vernehmungsprotokolle, Anklageschriften, psychologische Gutachten und Urteile zu lesen, den Verurteilten zu schreiben und manche zu besuchen. Er hat von jedem Täter eine Akte angelegt, in der er Modus Operandi und Motivlage festgehalten hat: Wie oft hat der Täter wann und warum auf welche Weise wen getötet. Ein hässliches, ein widerliches Puzzle - doch wenn es zusammengesetzt ist, entsteht ein Bild zum Weinen.

Wer das Sachbuch des Kriminalbeamten Harbort lesen will, braucht gute Nerven. Wenn er die letzte Seite umgeschlagen hat, wird er sich nicht damit trösten können, dass alles nur ein Film war, ein fragwürdiges Abendvergnügen. Es ist alles passiert, was da steht, und das ist schlimm, manchmal so sehr, dass man das Buch und den Mut sinken lässt. Es wird gestochen, gedrosselt, gefoltert, und es wird gestorben. Die Täter sind fast alle Männer, die Opfer fast immer Frauen und Kinder. Sämtliche Varianten des Tötens kommen vor und sämtliche Variationen der Täter: Raubmörder, Beziehungsmörder, Sexualmörder und so genannte Dispositionsmörder, die in frustrierter Stimmung alles am Wegesrand niedermetzeln. Und frustriert sind sie oft.

Verstehen Sie nicht? Ich bin schon lange tot!

In der Gesamtschau tritt eine andere Kreatur zutage, als der Kinobesucher sie kennt. Die Serienmörder der Wirklichkeit sind Menschen, deren Leben niemand verfilmen würde, deren Existenz kaum einer je zur Kenntnis nahm. Es sind misshandelte, zurückgestoßene Kinder. Prügelknaben, deren Jugendzeit eine Höllenfahrt war, die die Mordanschläge ihrer Eltern oft nur knapp überlebten. Eingesperrte. Ausgesetzte. Heimkinder. Schulversager, Liebesversager. Niedergeknüppelte Niederknüppler.