Verbrauchte Verbraucher

Der Bürger als Konsument ist die politische Größe der Stunde. Der Staat droht zum Spielball seiner Launen zu werden von Joerg Lau

Erst vor wenigen Wochen erregte eine spektakuläre Aktion in der Londoner Oxford Street Aufsehen. Der Künstler Michael Landy hatte in einem verlassenen Kaufhaus sein gesamtes Hab und Gut aufgebaut - von der Unterhose bis zum Volvo -, um es dort an Ort und Stelle mithilfe einiger Assistenten zu zerlegen und dann Stück für Stück durch einen riesigen Schredder zu jagen.

Die Installation mit dem Titel Break Down sollte nach Auskunft des Künstlers eine "ultimative Entscheidung des Konsumenten" symbolisieren - und zugleich seine "Befreiung" durch den Künstler als Stellvertreter des Konsumenten. Ein paar Wochen lang wurde in den Feuilletons erregt diskutiert, ob Landy nicht wenigstens einige Kunstwerke aus seinem Besitz verschonen sollte.

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Kaum einen Monat später wirkt solche konsumkritische Kunst mit ihrer kalkuliert provokanten Geste nur noch läppisch. Mit der apokalyptischen Wucht der schon zum Alltag gewordenen Keulungs- und Tierverbrennungsszenen kann kein noch so radikales Happening mithalten. Der Verbraucher, den der Künstler mit seiner selbstzerstörerischen Aktion agitieren wollte, sich zu befreien, starrt derweil ziemlich fassungslos auf die Brandopfer, die ihm zu Ehren überall in Europa lodern. Es fällt ihm verständlicherweise schwer, in den widerlich stinkenden Rauchsäulen die drohenden Zeichen seiner Macht zu erkennen.

Der Verbraucher hat sich mit Aplomb als Akteur auf der politischen Bühne Europas angemeldet. "Verbraucherpolitik" und "Verbraucherschutz" sind die Parolen der Stunde. Man spricht jetzt von ihm mit einem fast schon heiligen Respekt. Kein Wunder: Binnen weniger Wochen, seit im vergangenen November die BSE-Panik auf den Kontinent übergriff, hat er einen ganzen Wirtschaftszweig in die Knie und Minister in die Resignation gezwungen. Es scheint, als sei der Konsument, wenn er von seinem Stimmrecht an der Theke Gebrauch macht, heute mächtiger als der wahlberechtigte Bürger. Er muss nur ein paar Wochen lang konsequent seinem Widerwillen gegen Rindfleisch freien Lauf lassen - und schon rollen die Köpfe, schon werden Ressorts neu zugeschnitten, schon trägt ein Ministerium seinen Namen beflissen an erster Stelle.

Es gibt keine Parteien mehr, nur noch Verbraucher

"Verbraucherschutz" - das Wort hat hierzulande einen vertrauten Klang. Aber das mag täuschen: Es fragt sich nach dem Geschehenen nämlich, wer hier in Zukunft wen wovor zu schützen haben wird. Die Politik verspricht dem verunsicherten Verbraucher wider besseres Wissen weiterhin "Sicherheit". Nur dem, "der sich nicht schützen lassen will, dem wird auch der Staat keinen ausreichenden Schutz verordnen können", hat jüngst die neue Ministerin Renate Künast in einem programmatischen Text in erfrischend selbstbewusster Manier dekretiert. "Wir brauchen vorsorgenden Verbraucherschutz." Es könnte sich aber bald herausstellen, dass das neue Ministerium nicht zuletzt damit zu tun haben wird, die Politik vorsorgend vor dem Verbraucher zu schützen, der sie mit seinen Launen, seinem Ekel und seinen Lüsten vor sich her treibt. Der Verbraucher, das zeigt sich in diesen Wochen, ist die letzte Supermacht in der politischen Arena, im Zweifelsfalle mächtiger als Parteien, Unternehmerverbände und Gewerkschaften, Lobbyisten und Spendenkofferträger.

Der Verbraucher ist ohne Übertreibung als die entscheidende politische Figur unserer Zeit zu bezeichnen.

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