D E L I L L O Der Narr in seinem Zimmer
Ein großer amerikanischer Schriftsteller erzählt von der Einsamkeit des Schreibens
Ein Roman ist ein Geheimnis, das ein Schriftsteller manchmal jahrelang für sich behält, bevor er es aus seinem Zimmer lässt. Er arbeitet in der Einsamkeit. Er schaut auf die Wand oder steht am Fenster, lässt sich vom Gefühl der verstreichenden Zeit treiben. Sein Mund steht offen. Er kaut auf einem Finger und steckt ihn ins Ohr. Ein Überwachungsvideo vom Schriftsteller würde manches Niederschmetternde über die Dynamik des menschlichen Bemühens zutage fördern.
Er fängt etwas Neues an und lebt innerhalb der Grenzen eines glasigen Starrens. Manchmal kapselt er sich wochen- oder monatelang ab, meißelt Satz um Satz, versuchsweise. Er verlässt die Stadt und geht aufs Land. Irgendein friedlicher, irgendein ländlicher Ort - in diesen Worten schwingt Verzweiflung mit.
Wie weit entfernt, wie einsam oder gar entfremdet er auch sein mag, so schwach der Puls dieser selbstversunkenen Anfänge auch schlägt, auf irgendeiner Ebene weiß der Schriftsteller, dass die riesige soziale Wirklichkeit, die um ihn her vibriert, sein Werk gestaltet.
Der Roman hat etwas grundlegend Historisches. Nicht aufgrund eines künstlerischen Mandats oder einer moralischen Verpflichtung, sondern weil er über die Größe und Offenheit, die psychologische Reichweite verfügt, die es einem Schriftsteller ermöglicht, immense historische Kräfte in individuelle Einzelleben zu legen.
Für einige Autoren ist der Roman eine Auseinandersetzung mit der Macht oder ein Konflikt mit der Vorstellung von einer erdrückenden Einheit. Was ist der Schriftsteller schon gegen den Strom? Der Narr in einem Zimmer, der ein kleines Pappgewehr bastelt und lernt, dass es schießen kann.
Dort, wo Schriftsteller zensiert, verhaftet oder ins Exil getrieben werden, verweist jedes furchtlose Wort auf das Ende des Systems totaler Kontrolle. 1936 schrieb Thomas Mann, dass der Roman "in seiner analytischen Geistigkeit, seiner Bewusstheit, seinem eingeborenen Kritizismus" den Schriftsteller in bedrohlichen Zeiten in Gefahr bringe. Er schrieb über Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes. Andere Formen könnten "still am Rande blühen", sagte er. Der Roman aber werde an die Wand gedrängt.
Der Schriftsteller arbeitet an Kommas und Gedankenstrichen. Alles in kleinem Maßstab. Er tastet sich im Nahbereich voran. Ein einzelnes Individuum mit tödlichem Haarausfall, verloren in Zeichensetzung und Syntax. Seine Katze tötet einen Vogel und bringt ihn herein. Das ist die Wahrheit der Welt, und sie beschämt den Schriftsteller mit ihrem nonchalanten Terror.
Es geht langsam, es geht schlecht.
Sein Onkel stirbt in Oklahoma. Er denkt, Kommas oder Gedankenstriche, kann sich aber nicht entscheiden. Nichts als ein verstreuter Haufen glückloser Seiten, und schon baut er, hin und her gerissen, an einer Ruhmesvision. Das ist nicht die alte, behagliche Fantasie von Macht und Reichtum. Aura ist es, sonst nichts, das mystische Licht um den Kopf eines Schriftstellers, der gerade Erfolg hat.
Er weiß, wenn er weiter schreibt und lange genug lebt und irgendwann Glück hat, dann wird aus ihm ein T-Shirt, eine Kaffeetasse oder eine Einkaufstüte. Eine Art von Bestrafung, die er halb fürchtet, halb ersehnt. Ein Teil der alles verschlingenden Bildermühle werden. Absorbiert und eingebaut und reproduziert, entschärft und unwirklich gemacht. Netter Gedanke, irgendwie.
Er wacht mitten in der Nacht auf, einen Satz im Kopf. Da rührt sich etwas, da beginnt etwas zu passieren. Wenn seine Kreditkarte abläuft, kommt eine neue mit der Post, und er schneidet die alte in vier Stücke, dann fünf und entsorgt sie sukzessive über einen Zeitraum von mehreren Wochen, damit sie keiner aus der örtlichen Müllhalde fischen und zusammenkleben kann, obwohl ihm klar ist, dass das trotzdem passieren kann und vermutlich auch wird.
Doch da ist etwas, da rührt sich etwas. Er macht sich Notizen, er wärmt Essensreste auf. Wenn die Aussichten trübe werden, und das geschieht fast sofort und immer wieder, und er weiß das und spürt es in seinem Oberkörper, die greifbaren Zweifel, den Verlust von Kraft und Selbstvertrauen - dann fragt er sich, warum er überhaupt schreibt.
Er weiß, er schreibt nicht auf eine bessere Welt hin. Er schreibt, um einem inneren Drang gerecht zu werden. Er findet Identität in den Sätzen, die aus seinem Stift kriechen. Er schreibt mit der Hand. Er schreibt, um sich ins Dasein zu denken. Er schreibt, um frei zu sein, um als Individuum zu überleben.
Menschen fragen ihn, warum er schreibt. Er fragt sie, warum sie lesen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buch und Ich. Leser und Schriftsteller schaffen in geheimer Zusammenarbeit Figuren, die in der gemeinsam geatmeten Luft leben.
Figuren als gedruckte Zeichen auf der Seite und als erfundene Menschen. Character, das mittelenglische Wort für Figur, bedeutet Abdruck auf der Seele.
Das Objekt Buch ist ein Wunder der körperlichen und geistigen Annehmlichkeit. Das Buch passt in die Hand. Es passt zum Individuum. Gestalt und Wesen des Buches, das lineare Voranschreiten der alphabetischen Zeichen auf der Seite, die Hand, die das Buch hält, und die Hand, die umblättert, die im Buch enthaltenen Leben, das Kind, das ein Buch liest - ein einzelner Geist entwickelt sich Zeile um Zeile allein auf ein eigenes, unverwechselbares Gewebe zu.
Ein Roman verändert sich mit dem Verstreichen der Jahrzehnte. Er wandelt seine Textur oder verliert an Energie oder wird zu einem selbstklebenden Umschlag in Taiwan, je nach dem kulturellen Fluss, in dem er sich befindet.
Der Schriftsteller versucht zu verstehen, welche Art Roman er schreibt, denn er weiß es eigentlich gar nicht.
Den Ideenroman. Den Sittenroman. Den harten Zeugenroman. Den reinen Traumroman. Den exzessiven Roman. Den unlesbaren Roman. Den komischen Roman. Den romantischen Roman. Den Briefroman. Den viel versprechenden Erstlingsroman. Den traurigen, patchworkhaften, postumen Nur-über-meine-Leiche-Roman für Grabräuber. Den spannenden Roman. Den Kriminalroman. Den experimentellen Roman. Den historischen Roman. Den detailgenauen, realistischen Roman. Den rachsüchtigen Eheroman. Den Strandroman. Den Kriegsroman. Den Antikriegsroman. Den Nachkriegsroman. Den vergriffenen Roman. Den Roman, von dem die Filmrechte verkauft sind, bevor er geschrieben ist. Den Roman, von dem Kritiker sagen, sie würden ihn am liebsten quer durchs Zimmer schmeißen. Den Science-Fiction-Roman. Den Meta-Fiction-Roman. Den Der-Roman-ist-tot-Roman. Den Roman, der dein Leben verändert, weil du jung und offen bist und bereit, einen existenziellen Sprung zu tun.
Er will ein Buch mit vielen Stimmen schreiben. Er will diese Stimmen abheben von - ja, wovon? Von der Geschichte mit ihren Crescendi aus Blut und Leid. Von der Tendenz, echte Dinge durch ihre Darstellung zu ersetzen. Von der Suche nach Identität in bröckelnden Bildern.
Aber das alles will er ja überhaupt nicht. Er will Sätze und Absätze schreiben. Er will sich in die Hirnströme imaginärer Menschen hineinträumen. Er streitet sich am Telefon mit seiner Exfrau. Sie sagt ihm, er sei faul, eitel und aggressiv. Er sagt ihr, das sei jeder Schriftsteller. Sie sagt ihm, er sei paranoid. Er sagt ihr, er hätte seine Kreditkarte auch in acht oder neun Stücke zerschneiden können statt in vier oder fünf. Zehn, elf, zwölf Stücke. So, wie es ein klügerer Schriftsteller gemacht hätte.
Vor Geschichte und Politik kommt die Sprache. Er versucht, in einer aufrichtigen, vorwärtsstrebenden, athletischen Prosa aufzugehen. So rettet er sich, entgiftet energisch sein mutloses Blut.
Er erfindet, erinnert, stolpert über, forscht nach. Das meint er, wenn er sich als Schriftsteller bezeichnet. Er arrangiert Wörter zu Gruppen und entwirft ein Leben drumherum. So, wie ein Asket sonnenwärts in die Wildnis zieht, stürzt sich der Schriftsteller Hals über Kopf der Sprache entgegen. Oder vielleicht ist das auch nur seine eigene, romantische Einbildung. Der Roman der heiligmäßigen Selbstausschmückung. Nicht Nüchternheit strebt er an, sondern üppiges Werk. Die Sprache trennt ihn nicht von der Welt, sondern bringt ihn in sie hinein.
Sein Zimmer aus Wörtern ist die gemeinsame Oberfläche zwischen dem kargen Ich und der brüllenden Andersheit außerhalb des Ichs.
Etwas später hat er sich wieder verloren, ist zurückgeworfen auf das glasige Starren. Er sitzt da, bis in die Mitternacht hinein, die dünnhäutige Stunde, und erliegt seiner eigenen, grausamen Ehrlichkeit über das, was er schreibt.
Für Träumereien ist immer Zeit. Er schaut auf die leere Wand und stellt sich vor, er hätte einen ehrenvollen Literaturpreis bekommen.
Im Pathos seiner eigenen Grenzen, in der heiligen Pflicht, dass sein Roman unvollkommen sein muss - weil alle Romane unvollkommen sind, anders als Kurzgeschichten oder Gedichte -, und im surrealen Verschwimmen des Werks selbst mit den obskuren Motivationen und Traumerinnerungen außerhalb der Zeit, wundert er sich, dass er plötzlich da steht, mitten in einer wundervoll hellsichtigen Illusion, in Schlips und Kragen, und einige Sätze aus einem Roman von William Gaddis zitiert, die er auswendig kann.
"Was bleibt denn von ihm übrig, wenn er sein Werk vollendet hat? Was ist denn der Künstler anderes als der Bodensatz seiner Leistung? Der menschliche Faktor, der zwangsläufig immer mit dabei ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn er sein Werk getan hat, außer heillos gestammelten Entschuldigungen?"
Oder der Schriftsteller ist ganz jemand anderes. Etwa eine junge Frau, die noch nichts veröffentlicht hat, allein in einer geliehenen Wohnung. Sie ist der Mensch, der eines Tages, vielleicht, bald, unsere Wirklichkeit neu erfinden wird, Wort für Wort, aus einer Einsicht viele schaffend.
Wider alle Erwartung, gegen den großen, erschöpfenden Strom modernistischer Innovation, wird sie eine so eigentümliche, originäre und verletzende Sprache finden, dass wir sie, schockierend, als unsere eigene erkennen.
Sie arbeitet Teilzeit und schreibt nachts, stolpernd, aufs Geratewohl. Oder sieht stattdessen fern. Oder ruft ihre Freunde per R-Gespräch an, um über ihr Leben zu jammern. Es ist ihr Geheimnis, dass sie die Contra-Fiction schreibt, den Roman, der sich mit allen bisherigen Romanen überwirft. Sie ist faul, eitel und aggressiv. Sie hat sich vorgenommen, was am seltensten ist, ein Kunstwerk, das die Vergangenheit verweigert.
Große Romane enthüllen Bewusstsein. Sie ist der Mensch irgendwo da draußen, anonym, ein Narr in seinem Zimmer, der vor Unzulänglichkeit zittert und es kaum erwarten kann, uns eines ganz neu zu zeigen: Der Roman ist und bleibt der tiefste Weg in die Mysterien unserer einsamen Motive und Seelen.
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