Klima für Angepasste

Das Kyoto-Protokoll wird das Weltklima nicht retten. Die Menschen müssen Energie sparen und Dämme bauen

Politisch gesehen ist der Rückzug der USA aus den internationalen Klimavereinbarungen ein Desaster. Doch wissenschaftlich betrachtet spielt es kaum eine Rolle, ob das umstrittene Kyoto-Protokoll nun umgesetzt wird oder nicht. Denn die 1997 vereinbarte Reduzierung der Treibhausgase dürfte an der künftigen Entwicklung des Weltklimas kaum etwas ändern.

Einige nüchterne Zahlen machen das deutlich: Wollte man den Trend zur globalen Erwärmung stoppen, müsste der Gehalt des Klimagases Kohlendioxid (CO2) in der Luft auf dem jetzigen Stand stabilisiert werden. Dies würde eine radikale Absenkung des CO2-Ausstoßes um 90 Prozent erfordern, wie Guy Brasseur, der Direktor des Max-Planck-Institutes für Meteorologie, kürzlich vorrechnete (ZEIT Nr. 11/01). In Kyoto haben jedoch lediglich 38 Industriestaaten versprochen, die Emission von Treibhausgasen um 5,2 Prozent zu verringern (in den Jahren 2008 bis 2012 im Vergleich zu den Werten von 1990). Ob die Vereinbarung in Kraft tritt oder nicht - der Klimawandel wird nahezu ungebremst weitergehen.

Freilich wäre es verkehrt, mit diesem Argument die internationalen Klimaschutzbemühungen für obsolet zu erklären. Denn auch wenn das Kyoto-Protokoll nur ein winziger Schritt ist, so führt er doch in die richtige Richtung. Und nur mit solchen Trippelschritten kommt schließlich Weltpolitik voran.

Ob das nach dem erklärten Ausstieg der USA noch gelingen kann, ist unklar. Damit das Kyoto-Protokoll überhaupt in Kraft tritt, müssen es 55 Unterzeichnerstaaten ratifizieren. Bislang haben es zwar 84 Vertragsparteien unterschrieben, aber nur 33 ratifiziert - Staaten wie Bolivien, die Fidschiinseln, Jamaika, Mikronesien, Rumänien oder Usbekistan. Die Industrieländer (auch die Europäer) hielten sich vornehm zurück. Dazu kommt eine weitere Regelung: Die ratifizierenden Staaten müssen zusammen mindestens 55 Prozent der CO2-Emissionen ausstoßen - allein die USA sind für ein Drittel aller Emissionen der Industrieländer verantwortlich. Würde noch ein zweiter großer Emittent wie etwa Russland ausscheren, wäre die notwendige Zustimmungsquote auf keinen Fall mehr zu schaffen.

Wie man es auch dreht und wendet: Es scheint unvermeidlich, sich Gedanken darüber zu machen, wie der Erderwärmung zu begegnen ist. So plädiert etwa der Soziologe Nico Stehr vehement "für politische Maßnahmen, die sich vorrangig der Frage der Anpassung widmen". Schließlich sei es nicht in erster Linie eine Frage der Physik, sondern der sozialen Verhältnisse und der politischen Ökonomie, "ob ein Naturereignis zur Katastrophe führt - oder nicht". Als Beleg führt Stehr eine Hitzewelle an, die im Jahr 1995 Chicago heimsuchte. Die Temperaturen kletterten eine Woche lang auf über 40 Grad Celsius, der Hitzeindex (die Kombination von Temperatur und Luftfeuchtigkeit) sogar auf über 48 Grad. In dieser Zeit starben 739 Personen mehr als sonst im selben Zeitraum. Eine Untersuchung kam zu dem Schluss, dass über 500 Personen unmittelbar Opfer der Hitzewelle wurden.

Doch die wahren Ursachen, meint Stehr, seien nicht etwa die Temperaturen, sondern die gewachsene Isolation älterer Menschen und die gestiegene Armut in Chicago. "Erst das soziale Konstrukt der Verletzlichkeit transformiert natürliche Wetterextreme in Katastrophen." Andere Städte wie Philadelphia kamen mit der Hitzewelle nämlich sehr viel besser zurecht. Dort hatte man in den vorangegangenen heißen Jahren ein Warnsystem und soziale Netzwerke etabliert, die älteren und gefährdeten Personen halfen.

Wie Stehr beschäftigt sich eine wachsende Zahl von Forschern mit der Frage, wie künftig veränderten Klimaverhältnissen zu begegnen sei. "Vor drei, vier Jahren war das noch ein Thema, das nicht als politically correct galt", erzählt Richard Klein vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. "Denn es galt manchen als Eingeständnis des Scheiterns einer Klimapolitik. Doch jetzt wächst die Disziplin allmählich." Bei seinen Untersuchungen stützt sich Klein vorrangig auf die Szenarien, die das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) entwirft. In seinem jüngsten Bericht sagt das internationale Forschergremium bis zum Jahr 2100 einen Temperaturanstieg zwischen 1,4 und 5,8 Grad voraus, eine Zunahme von Wetterextremen wie Dürren oder Überschwemmungen und ein Steigen des Meeresspiegels um bis zu 88 Zentimeter (ZEIT Nr. 5/01).

"Die Industrieländer werden mit diesem Klimawandel vermutlich einigermaßen zurechtkommen", prognostiziert Richard Klein. "Doch viele Entwicklungsländer werden sich kaum dagegen schützen können." Denn die seien schon heute mit dem Katastrophenmanagement bei Überschwemmungen oder anderen Naturdesastern überfordert.

Was etwa ein Anstieg des Meeresspiegels um einen halben Meter für eine Küstenlandschaft bedeutet, haben kürzlich Landschaftsökonomen der TU Berlin am Beispiel Sylt auszurechnen versucht. Bis zum Jahr 2050, so ihr Szenario, seien auf der Westseite der Insel zwei Millionen Quadratmeter gefährdet, Häuser, Äcker, Wege und Strandabschnitte im Wert von 2,44 Milliarden Mark. Um das zu verhindern, sind "Sandvorspülungen" und andere Investitionen von insgesamt 91 Millionen Mark notwendig. Fazit der Studie: Die Klimaänderung sei auf Sylt "beherrschbar", der Nutzen der Schutzmaßnahmen übersteige bei weitem die Kosten. Für die Sylter ein erfreuliches Ergebnis. Doch die Einwohner von Mikronesien oder der Malediven dürften angesichts solcher Investitionssummen verzweifeln.

Der Klimawandel ist eine Chance für neue Märkte

Ohne internationale Solidarität werden daher auch Anpassungsstrategien das globale Ungleichgewicht nur weiter verschärfen. Doch moralische Appelle an die reichen Staaten helfen da kaum weiter. Klimafolgenforscher wie Richard Klein beschwören lieber die Möglichkeiten, die sich angesichts der Herausforderung gerade den Industrieunternehmen eröffnen. Schließlich hätten die Autofirmen, die als erste Katalysatoren entwickelten, auch einen Wettbewerbsvorteil gehabt, als diese flächendeckend eingeführt wurden.

Ähnlich argumentieren erfahrene Umweltpolitiker wie Klaus Töpfer. "Die Abwehr des Klimawandels bietet die Chance, neue Technologien und Märkte zu erschließen", sagt der Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Töpfer setzt auf den so genannten Clean Development Mechanism, der den Transfer von modernen, sauberen Energietechniken von Industriestaaten in Entwicklungsländer vorantreiben soll. Dieser Teil des Kyoto-Protokolls sieht vor, dass Industrieländer für ihre Treibhausgas-Emissionen Ausgleichszahlungen leisten, die Entwicklungsländern zugute kommen, um Umwelttechniken finanzieren zu können. Diese Vereinbarung ist nicht nur klima-, sondern auch entwicklungspolitisch sinnvoll. Schon allein deshalb lohnt es sich also, die Verhandlungen um das Protokoll von Kyoto auch nach dem Rückzug der USA weiterzuführen.

 
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