R O M A N
Mord am Ufer des Turkanasees
John le Carré kritisiert die Pharmakonzerne und versucht sich als Chronist
In Cornwall lebt ein zorniger, alter Mann mit Namen David Cornwell. Unlängst schrieb er einen Artikel im Guardian, in dem er gegen die Pharmabonzen zu Felde zog. Unter dem Artikel stand der Vermerk: "Der ewige Gärtner von John le Carré ist bei Hodder & Stoughton erschienen."
John le Carré ist Cornwells Künstlername. Sein neuestes Buch ist die fiktive Dokumentation eines hypothetischen Pharmaskandals, aber es ist mit kaum verhüllten Verweisen auf lebende Personen gespickt. In Kenia, dem Schauplatz der Geschichte, kann man es nicht kaufen. Die Buchhändler haben Angst vor Moi's boys, den Handlangern ihres Präsidenten, der in dem Roman schwer angegriffen wird.
Die Geschichte beginnt mit einem Mord am Ufer des Turkanasees. Das Opfer: die englische Diplomatengattin Tessa Quayle. Ein schwarzer Belgier, der sie begleitete, angeblich ihr Liebhaber, ist verschwunden. Als zwei von Scotland Yard nach Nairobi geschickte Kriminalbeamte keinen Hehl daraus machen, dass sie einen Auftragsmord vermuten, werden ihre Ermittlungen hintertrieben. Die Fährte des Vertuschungsmanövers führt ins Londoner Außenministerium. Auf Geheiß des Leiters der Afrikaabteilung lügen Diplomaten in Nairobi, was das Zeug hält. Und Tessas verwitweter Ehemann wird abberufen.
Er ist der ewige Gärtner. Ein Gentleman aus dem Handbuch nationaler Klischees, Ihrer Majestät ergeben wie auch der Hege und Pflege von Astern und Begonien. Jetzt macht er sich an die Aufklärung des Verbrechens. Er gräbt auf dem Terrain von Politik und big pharma. Seine Frau, eine Kämpferin für Frauen- und Menschenrechte sowie Schutzengel der Slumbewohner Nairobis, war dem Pharmakonzern Karel Vita Hudson auf der Spur, der ein neu entwickeltes Heilmittel an kenianischen Tuberkulosekranken erprobt. Eines mit tödlichen Nebenwirkungen.
Fast zeitgleich mit der englischen Ausgabe des Ewigen Gärtners erschien in der Washington Post eine Artikelserie über die experimentelle Verabreichung neu entwickelter Medikamente in der Dritten Welt. Eine Reportage beschrieb eine Testserie der Pfizer Inc. in Nigeria. Amerikanische Ärzte verabreichten einem 10-jährigen Mädchen, Seriennummer 0069, auf der Teststation Nummer 587 in Experiment Nummer 154-149 eine 56-Milligramm-Dosis Trovan, ein noch nicht zugelassenes Medikament zur Bekämpfung von Meningitis. Am zweiten Tag erstarrten die Augen des Kindes. Am dritten Tag vermerkte der Testbericht seinen Tod.
Pfizer redet sich darauf hinaus, dass die Testserie von den nigerianischen Behörden zugelassen war. Sie sei "vom medizinischen, wissenschaftlichen und ethischen Standpunkt aus solide" und "hatte mit sechs Prozent eine vergleichsweise günstige Todesrate". Ein vor Ort tätiger Arzt der Médecins sans Frontière erklärte der Washington Post, das Testverfahren folgte nicht in westlichen Ländern gültigen Richtlinien. Den Tod des Mädchens müsse man als Mord einstufen.
Ein Rezensent der New York Times kam trotz dieser Parallelen zu dem Urteil, le Carrés Verarbeitung des pharmazeutischen Umgangs mit dem Leben von Afrikanern sei unglaubwürdig und der geopolitische Hintergrund des Romans "merkwürdig naiv". Es fehlten die Feinheiten, welche le Carrés Thriller aus der Zeit des Kalten Krieges auszeichneten.
Der Fortgang des Romans ist gespickt mit deutlichen Anspielungen. Ein britischer Außenminister, der gern Lippenbekenntnisse zu einer "ethischen Politik" ablegt - jeder weiß, wer gemeint ist -, deckt die verbrecherischen Praktiken des Pharmakonzerns. Ein aufrechter alter Hochkommissar wird abserviert, weil ihm "das Gefühl für die moderne Zeit" - eine Lieblingsphrase der gegenwärtigen britischen Regierung - fehle. Der Obergangster im Zentrum des Geschehens wird für seine Verdienste im Geschäftsleben als Lord Curtiss of Nairobi and Spennymoor ins Oberhaus befördert, er hatte New Labour großzügig mit Spenden bedacht ...
In Großbritannien haben Leser mit solchen Anmutungen wenig Schwierigkeiten. Le Carrés Engagement für die Unterdrückten der Dritten Welt entspricht dem postkolonialen Zeitgeist. Ein Bestseller wurde das Buch trotzdem nicht. Die Buchhandlung Hatchards in Piccadilly versucht mit Mühe, vom Autor signierte Bände loszuschlagen. Die gebundene Ausgabe wurde schon bald mit 25 Prozent Preisnachlass angeboten.
Ein engagierter Roman ist nicht per se ein guter Roman. Im handschriftlichen Originalmanuskript, dessen erste Seiten der deutsche Verlag als Vorauswerbung an den Buchhandel verschickte, war die Einleitung merkwürdigerweise sehr gut. Kühl, klar, nüchtern - echte Carré-Klasse. Im gedruckten Text sind die ersten Absätze so weitschweifig, als sei dem Autor nachträglich eingefallen, dass es 500 Seiten zu füllen gelte. Die Protagonisten sind entweder sehr, sehr gute oder sehr, sehr schlechte Menschen. Nach einer hinlänglich packenden ersten Hälfte wird das Buch langweilig. Man liest mit wachsender Distanz weiter, ganz anders als bei der bewegenden Artikelserie der Washington Post.
In einem Nachwort schreibt le Carré, seine Erzählung sei, "verglichen mit der Wirklichkeit im pharmazeutischen Dschungel, so harmlos wie eine Ferienpostkarte". Vielleicht ist das unausweichlich, wenn ein Romancier sich als Chronist versucht.
Der ewige Gärtner Aus dem Englischen von Werner Schmitz; Mitarbeit: Karsten Singelmann; Verlag List, München 2001; 558 S., 44,90 DM
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