Ein Mann hatte Angst. Darum kommt er zu spät, über zehn Jahre. Aber schmälert das die Schönheit seiner Worte, den bestürzenden Reiz seiner Arbeit?

Tahar Ben Jelloun, geboren in Marokko, lebt als Romancier seit 1971 in Frankreich. Ein viel gelesener (die Auflage von Le Racisme expliqué à ma fille hat die 400 000er Schwelle längst überschritten), auch preisgekrönter (Die Nacht der Unschuld, Prix Goncourt 1987), zudem gern übersetzter Schriftsteller. Orient von der Rive gauche der Seine, Ruhm, Auflage, Ansehen.

Doch seit gut einem Jahr nichts als Ärger: Erst plauderte die Zeitung Libération (die Tahar Ben Jelloun als Autor nicht schätzt: weil er für Le Monde rezensiert, sagen die einen; weil er mit der orientalischen Despotie des 1999 verstorbenen Königs Hassan zu milde war, sagen die anderen) die Geschichte mit dem Dienstmädchen im Hause Ben Jelloun aus. Miserabel und natürlich schwarz bezahlt war Fatna. Schließlich hat man sich verkracht - sie schlug die Kinder - und die junge Frau zurück nach Marokko schicken wollen. Doch Fatna wollte nicht, ein Verein gegen den Rassismus nahm sich ihrer an. Der Autor stand unversehens als Ausbeuter da, ein Tartuffe im eigenen Haus. Am Ende war alles viel komplizierter, nicht einmal ein Skandälchen wurde daraus.

Und nun das: Im Januar erschien Tahar Ben Jellouns Cette aveuglante absence de lumière (Verlag Le Seuil, Paris; 110 Franc). Sein zwölfter Roman und für einige Kritiker nun wirklich ein Fall von Ausbeutung. Ausgerechnet dieser sanftmütige, ängstlich schweigende Marokkaner schreibt über die schwärzeste Nachtseite seines farbenfrohen Geburtslandes - die Strafkolonie von Tazmamart. Dort erniedrigte und vernichtete jener König 58 Offiziere und Kadetten, die 1971 im Sommerpalast von Skhirat gegen ihn einen blutigen Putsch angezettelt hatten. 20 Jahre später erst kamen die Verurteilten frei, nur 18 hatten überlebt. Seither ist bekannt, wie es dort aussah: lebendig begraben irgendwo in der Wüste. Kaum Decken, verdorbenes Essen, allenfalls ein schmaler Streifen Licht - von daher der Titel, Dieses blendende Fehlen von Licht. Eine endlose Qual auf drei Metern auf anderthalb, die Decke zu niedrig, um sich aufzurichten, als Bett die blanke Erde, Ausgang nur zum Begräbnis der verendeten Zellennachbarn, reichlich Ungeziefer, zur Bestrafung Skorpione.

Wie es an diesem Unort zuging, ließ sich Ben Jelloun von dem überlebenden Aziz Binebine aus Zelle sieben erzählen. So viel steht fest. Alles andere - wer wen zum Erzählen aufforderte oder bedrängte und wer als Erster die gerechte Teilung des Honorars vorschlug - ist inzwischen strittig. Ahmed Marzouki, selbst ein Entronnener und Autor seines eigenen Berichts (Tazmamart, Cellule 10; Verlag Tarik, Paris), hält Ben Jelloun sein Schweigen vor. Und Ben Jelloun klagt gewunden im Nouvel Observateur: Warum man mich zerbrechen will. Dieses "man" - sind es nun feindselige Journalisten, empörte marokkanische Oppositionelle oder dunkle Kräfte? Tahar Ben Jelloun verrät es uns nicht.

Darf man das, ein solches Schicksal nach angeblich nur vier Stunden Gespräch mit dem Zeitzeugen ausschlachten, ummünzen in 230 Seiten, die sich gut verkaufen? Darf ein Ben Jelloun über diese Ungeheuerlichkeit reden, wo er doch so lange schwieg, und sei es aus Angst?

Gewiss, dieser Autor ist kein Held. Aber sein Buch ist großartig: nicht etwa eine Rekonstruktion des Grauens. Keine Gesichter, nur Stimmen im endlosen Gebet, Koransure um Sure. Dieses Werk ist das Poem eines Erdlochs, das keinen Platz zum Leben ließ und dennoch den Erzähler am Überleben hielt, entrückt in einen körperlosen Zustand, der immerzu vom Körper und dessen Zerstörung berichten muss. "Sich erinnern heißt sterben." Hoffen aber auch. Zwischen verdrängtem Gestern und versperrtem Morgen jedoch bleibt ein winziger Spalt. Gerade breit genug für 18 lebendtote Seelen. Und ein nachtklares Buch.