K U N S T Torwandschießen mit Andy Warhol
Zwischen Kinder-Kirmes und Oberseminar: Olaf Nicolais ausgeklügelte Kunst der Oberfläche in Zürich
Die Pop-Literatur ist out, die Pop-Art längst Geschichte, und im Prada-Anzug macht man bestenfalls noch eine zweifelhafte Figur. Bleibt die Frage: Was ist da noch cool? Olaf Nicolai weiß eine Antwort: Cool ist eine Eisbahn.
Dass das mehr ist als bloß ein Kalauer, führt der 39-Jährige gerade im Zürcher Museum für Gegenwartskunst vor. Dort, im Gebäude der ehemaligen Löwenbrauerei, hat er in der Leerguthalle ein neun mal dreizehn Meter großes Eisfeld angelegt, Betreten erwünscht. Über das Eis wabert der Sound der Berliner Klangbastler to rococo rot, es herrscht Clubatmosphäre, cool halt. Aber es ist auch einfach nur kalt, die Eisbahn macht das Museum zur Tiefkühltruhe, cool ist ungemütlich. Wohin man sich in, auf diesem Werk auch dreht und wendet - Coolness bleibt ambivalent. Pirouetten drehen ist fun, aber Achtung! Sturzgefahr. Eis laufen hält frisch und liefert Ekstase ohne Pillen (so schon in Goethes Novelle Ein Mann von fünfzig Jahren), aber das reine Weiß des Eises ist nicht nur das der Unschuld, sondern auch des Todes.
Zu weit hergeholt? Von wegen. Nicolai stand schon mit Katarina Witt auf dem Eis, die wie er in Chemnitz aufgewachsen ist. Er weiß, was er da anrichtet. Zum anderen muss man bei dem studierten Literaturwissenschaftler, der sich lieber in Buchläden als in Museen herumtreibt, mit entlegenem Bildungstreibgut rechnen. Und drittens kommentiert er seine Zürcher Eiszeit mit einem weiteren Werk gleich selbst: Zwei runde, popbunte Leuchtkästen an der Stirnseite der Halle blinken im steten Wechsel die Botschaft "Survive - enjoy" herüber, Nicolais Motto für das 21. Jahrhundert.
Ein hinterhältiger Zitierer, bei dem sogar das Erbe der DDR cool aussieht
Was denn nun in diesen frostigen Zeiten - überleben oder Spaß haben? Immer wieder führen die Arbeiten des Eismannes in paradoxe Situationen, ohne den geringsten Wink zu geben, was richtig, was falsch sein könnte. Oder ob eine Entscheidung überhaupt möglich ist. So programmatisch vertrackt beginnt schon die Zürcher Ausstellung. Auf einem Plakat steht der Untertitel zu Faßbinders Film Effie Briest: "Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen." Auf einem zweiten Plakat der gleiche Text - mit einer winzigen Veränderung: Statt "trotzdem" heißt es hier "deshalb". Auf dem Boden liegen zwei Stapel mit den Plakaten - der Besucher kann die Lesart mitnehmen, die ihm mehr einleuchtet. Oder auch gar keine. Aber was er auch mitnimmt - die je andere Lesart wird er auf der Rückseite seines Plakates finden. Erpresste oder freiwillige Versöhnung mit dem System sind nur zwei Seiten derselben Medaille.
Ähnlich funktionierte schon Nicolais Vexierkabinett Landscape/Interieur bei der documenta X 1997, in dem vermeintlich "echte" Natur von ihrem Abbild als Muster auf der Tapete umgeben war. Auch das war nur ein scheinbarer Gegensatz. "Heute ist alles Ware, selbst eine soziale Beziehung", sagt Nicolai. Aus dem Warenkreislauf gibt es kein Entrinnen, wer zurück zur Natur will, speist nur ein neues Produkt in das System ein. Das findet der Künstler freilich nicht bedauerlich, er ist kein Kulturpessimist, sondern zumindest in dieser Hinsicht Marxist: "Erst mal muss ich genau beschreiben, was ist. Dann sehen wir weiter."
Nur eins bedauert er: dass der Kunstbetrieb ihn nach einigem weiteren Grünzeug, darunter ein Parfum für Bäume und ein barockes Gartenlabyrinth aus Plastikreisigbesen, in die Schublade steckte, auf der so etwas steht wie "Grenzbeamter Natur/Kunst". Der wollte und konnte Nicolai nicht sein. "Ich bin ein botanischer Laie, ich kann nicht mal eine Pflanze vernünftig bestimmen", sagt er. Also hält er es mit seinem Vorbild Picabia und dessen geflügeltem Wort, dass der Kopf rund sei, damit das Denken die Richtung ändern könne. Die Fragen von echt oder falsch, Unikat oder Massenprodukt erörterte er nun, indem er Schnittmusterbogen für einen Prada-Anzug und Bastelanleitungen für eine Donald-Judd-Skulptur massenhaft als Poster vertrieb.
Als gerissener Zitierer und Kopierer präsentiert sich Nicolai jetzt auch in Zürich. Das eierkartonartige Fassadenraster des ehemaligen Centrum Warenhauses in Dresden klumpt er zu einer todschicken Lampe zusammen. Die beleuchtet nun mattgolden eine Art Chill-out-Höhle und beweist, dass die DDR durchaus Coolness-Potenzial hatte (ansonsten sucht man in Nicolais Werk vergeblich nach ostalgischen Erinnerungen). Echte Pop-Art wiederum, ein Camouflage-Bild von Andy Warhol, wird zum pinkfarbenen Dekor für drei Torwände, die der Künstler nach seinen Lieblingstorhütern benennt: Croy, Kleff, Maier. Ein paar Fußbälle liegen herum - schießen Sie bitte auf die Tarnung des Pop-Meisters. Aus einem kurzen Text von Zadie Smith, "A Short Catalogue of Things That You Think You Want" aus dem englischen Trendmagazin The Face, macht Nicolai ein wandfüllendes Menetekel. Sinngemäß heißt es da, dass die große Kunst der Kunst der letzten zwanzig Jahre darin bestand, auch neue Turnschuhe als Kunst erscheinen zu lassen. Diese Strategie imitiert Nicolai eindrucksvoll, indem er unter dem Titel The Nineties einen aufgeblasenen Air Max von Nike ausstellt, jenen sündhaft teuren Turnschuh, der nicht mehr dem Joggen, sondern der Identitätsstiftung diente. Das neun mal vier mal drei Meter große Monster verweist auf eine Monstrosität - und ist zugleich ein Riesenspaß: Das XXXXL-Schuhwerk dient auch als Hüpfburg für Kinder.
Nicolais Arbeiten wirken direkt und überwältigend, weil er sie für den jeweiligen Ausstellungsraum neu entwirft oder ältere Werke den neuen Gegebenheiten anpasst. Souverän bespielt er mit nur fünf Arbeiten den mehr als 70 Meter langen Hauptraum des Zürcher Museums. "Ich bin ein Handwerker, der mit seiner Werkzeugkiste herumreist und für die Leute arbeitet, die etwas von mir wollen", sagt er. Zuletzt hat er für Porto ein Konzept gebastelt: Für ihn soll ein Doppelgänger gefunden werden, der eine Woche in Europas Kulturhauptstadt leben und Tagebuch führen soll. Die Aufzeichnungen will Nicolai dann als seine eigenen veröffentlichen. Die Orte wechseln, die Fragen bleiben: Was ist authentisch, was nur simuliert, und gibt es überhaupt einen Unterschied?
Nicolai ist ein oberflächlicher Künstler im besten Sinne des Wortes. Für ihn ist Oberfläche kein Schimpfwort, sondern einfach nur Material, die Außenhaut der Dinge. Sie steuert unsere Empfindungen, die wiederum unser Erkennen maßgeblich beeinflussen. Das ist weder bedenklich noch verwerflich, wie Nicolai am Beispiel der Computer-Benutzeroberfläche erläutert: Die vereinfache lediglich die Kommunikation. Auch seine perfekt gemachten Installationen laden zunächst ganz unschuldig zum Mitmachen ein. Dass die glatten Oberflächen im Ruf stehen, nur die Manipulationen darunter zu verbergen, schreckt ihn nicht: "Manipulation bedient sich doch der gleichen Strategien wie das Lernen." Und so ist seine interaktive Kunst immer auch ein bißchen didaktisch.
"Fragen nach Formen, Stimmungen, Attitüden und Stil sind kein luxuriöses Spiel mit Oberflächen. Sie sind Fragen nach Organisationsformen von Handlungen", schreibt Nicolai in seinem Essay Show Case. Der Künstler begreift sich als Stimmungsmacher, er stellt Attitüden und Stile aus, kombiniert sie, sampelt sie. Seine Kunst besteht darin, in den Neukonstruktionen von Stilen elegant die Balance zu halten zwischen Kirmes und der Reflexion darüber, wie der Spaß gemacht wird. Torwandschießen mit Andy Warhol ist so oberflächlich und hinterhältig wie Eislaufen im Museum. Cool. Schlittschuhe nicht vergessen!
Museum für Gegenwartskunst bis zum 13. Mai
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