Stimmt’s? Auf dem Siedepunkt
Wenn man Wasser erhitzen möchte, um darin zum Beispiel Nudeln zu kochen, dann soll man das Salz erst hinterher hineintun, weil das Wasser dann schneller kocht. Stimmt das? Ulrich Schirm, Tübingen
Ich war selbst überrascht, wie kompliziert die Antwort ist. Und natürlich hat diese wichtige Frage wieder einmal kein Wissenschaftler so richtig systematisch untersucht.
Eins vorweg: Für alle praktischen Zwecke ist es im Grunde egal, wann man das Salz ins Wasser schüttet. Wenn es Unterschiede gibt, sind sie minimal. Allenfalls schonen Sie den Topf, wenn er nicht so lange dem Salzwasser ausgesetzt ist.
Aber es gibt Unterschiede. Wenn man Wasser salzt, dann sinkt die so genannte spezifische Wärmekapazität. Das bedeutet, dass man pro Gramm weniger Energie braucht, um die Lösung aufzuheizen. Und das Interessante ist: Auch wenn man berücksichtigt, dass die Flüssigkeit ja durch die Zugabe von Salz mehr wiegt, wird unterm Strich immer noch etwa ein Prozent weniger Energie gebraucht, um das Gemisch auf 100 Grad zu bringen. Das ist zwar schwer vorstellbar, aber die harten Zahlen beweisen es.
Moment, ließe sich jetzt noch einwenden, Salzwasser hat aber einen höheren Siedepunkt als ungesalzenes. Das stimmt, es kocht erst bei 101 oder 102 Grad. Aber auf diese Temperatur muss man ja auch das kochende Süßwasser noch bringen, nachdem das Salz zugefügt wurde. Insgesamt bleibt daher immer noch ein winziger energetischer Vorteil, wenn das Salz gleich am Anfang zugegeben wird; jedenfalls für alle Salzkonzentrationen, bei denen die Nudeln nachher noch genießbar sind.
Die Berechnungen zum Erhitzen von Salzwasser finden Sie in folgender Tabelle:
Konzen-
tration
c
mSalz
mgesamt
Wärme-
kapazität
0
1
0
1000
1
5
0,9389
52,6
1052,6
0,988
6
0,9282
63,8
1063,8
0,987
7
0,9179
75,3
1075,3
0,987
8
0,9079
87
1087
0,987
9
0,8983
98,9
1098,9
0,987
10
0,8892
111,1
1111,1
0,988
11
0,8804
123,6
1123,6
0,989
12
0,8718
136,4
1136,4
0,991
13
0,8634
149,4
1149,4
0,992
14
0,8558
162,8
1162,8
0,995
15
0,8481
176,5
1176,5
0,998
16
0,8407
190,5
1190,5
1,001
17
0,8338
204,8
1204,8
1,005
18
0,8271
219,5
1219,5
1,009
19
0,8204
234,6
1234,6
1,013
20
0,8142
250
1250
1,018
Zur Erläuterung: Die Tabelle berechnet die Energie, die zur Erhitzung von Salzwasser nötig ist. Wir gehen von einer Wassermenge von 1 Liter aus, dem dann Salz zugegeben wird. Die Konzentration ist in Prozent angegeben, dahinter steht die spezifische Wärmekapazität der Salzlösung in Kcal. Es wird eine bestimmte Menge Salz zugegeben (mSalz), um die entsprechende Konzentration zu erreichen, dadurch ergibt sich eine Gesamtmasse mgesamt. Multipliziert mit c ergibt sich eine Gesamtwärmekapazität der Lösung. Und die ist bis zu einer Konzentration von 16 Prozent kleiner als die des ungesalzenen Wassers.
Einschränkung: Die spezifische Wärmekapazität ist für eine
Temperatur von 20 Grad angegeben. Mit steigender Temperatur ändert
sie sich allerdings. Das ist in die Rechnung nicht eingegangen.
Vielleicht hat jemand Lust, das nachzurechnen?
Ein Nachtrag zur
Stimmt's-
Folge
Auf dem Siedepunkt
(ZEIT
Nr. 15/01), in der es um die Frage ging, wann man das
Salz ins Nudelwasser geben soll: Vor lauter Rechnerei mit
spezifischen Wärmekapazitäten hat unser Autor ein einfach zu
formulierendes, aber wichtiges physikalisches Gesetz außer Acht
gelassen: Den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Und der besagt:
Man hat in beiden Fällen vorher kaltes Wasser und trockenes Salz
und nachher kochendes Salzwasser. Und die Energie, die man
benötigt, um von einem Zustand zum anderen zu kommen, ist immer
gleich, unabhängig davon, auf welchem Weg das geschieht. Im
praktischen Versuch kochte übrigens dennoch das gesalzene Wasser
schneller.
Christoph Drösser
Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder
stimmts@zeit.de
. Das »Stimmt’s?«-Archiv:
www.zeit.de/stimmts
Audio:
www.zeit.de/audio
- Datum 05.04.2001 - 14:00 Uhr
- Serie Stimmt's
- Quelle (c) DIE ZEIT 15/2001
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