Kansas City ist ein Film wie ein Jazz-Stück: Manchmal spielen die Akteure im Ensemble, manchmal solo, und alles geschieht in natürlichem, aber trotzdem konsequent vorwärts schreitenden Rhythmus. Natürlich gibt es Stars wie Harry Belafonte und Steve Buscemi, aber das wichtigste ist immer, dass die Combo groovt. Robert Altmans Hommage an seine Heimatstadt lebt, wie viele seiner Filme, von der organischen Verflechtung der Handlungsebenen. Nur eine tragisch-schöne Stimme bricht immer wieder aus dem Ensemble hervor: Blondie, die nicht besonders helle, aber umso entschlossener Handelnde, die sich mit aller Kraft an ihre Liebe klammert.

Randständige, Verzweifelte, Durchgeknallte. Auf solche Rollen schien Jennifer Jason Leigh lange festgelegt. Als Mädchen Tralala in Letzte Ausfahrt Brooklyn , als schizophrene Killer-Barbie in Weiblich, Ledig, Jung sucht ... oder als Hausfrau, die versucht, mit Telefonsex über die Runden zu kommen in Altmans Short Cuts . "Wenn sie keinen Drink, kein Messer oder eine Heroinnadel in der Hand hält, scheint ihr etwas zu fehlen", befand der Rolling Stone . Und die New York Times nannte sie einen "Cheerleader für den Weltuntergang".

Jason Leigh drückt es etwas gelassener aus: Die Braven interessieren sie einfach nicht. Wie so vieles. Denn sie ist nicht everbody's, sondern nobody's girl. Von ihren Augen scheint ein Sog zur dunklen Seite des Lebens auszugehen. Ähnlich wie bei der von ihr gespielten Schriftstellerin Dorothy Parker, die ihren lasterhaften Kreis zwar mit geschliffenen Trinksprüchen unterhielt, dahinter aber in hoffnungsloser Trauer lebte. Bei aller Laszivität, die sie ausstrahlen kann - Jennifer Jason Leigh wurde zwar in Hollywood geboren und wuchs mitten im Filmgeschäft auf, aber sie war nie das Mädchen, dessen Foto sich Kfz-Mechaniker in den Spind hängen.

"Ihr ist es egal, ob die Kamera ihre Nasenlöcher, ihr Hinterteil oder ihre Füße zeigt. Sie ist völlig uneitel, dafür hoch professionell", sagt Robert Altman, "aber sobald keine Kamera auf sie gerichtet ist, verschwimmt sie wie ein Geist. Die Linien ihres Gesichtes verwischen, sie wird farblos." Auch sein Kollege Paul Verhoeven fragte sich, ob Jennifer Jason Leigh im wirklichen Leben überhaupt existiert. Ihre Rollen entwickeln sich über Monate hinweg zu "guten Freundinnen", sagt sie. Was sie spielt, das scheint - ähnlich den Computerspielen in David Cronenbergs eXistenZ - direkt mit ihrem Rückenmark verbunden zu sein.

Als Gründe für die erwähnte scheinbare Beziehungslosigkeit - die tatsächlich wohl in der Weigerung besteht, Klatschreportern ihr Privatleben anzuvertrauen - wird gemeinhin eine zerrüttete Familiengeschichte erzählt: Vater (Schauspieler) verlässt Mutter (Drehbuchautorin) früh, Schwester wird heroinabhängig. Das schrieben Hochglanzblätter ungefähr zehn Jahre lang voneinander ab. Dann wurde es still. Doch nur an der Oberfläche: Ende des Jahres ist Jason Leigh in Sam Mendes' zweitem Film The Road To Perdition zu sehen, gerade hat sie ihre erste eigene Regie abgedreht: The Anniversary Party und sogar in einem Dogma-Film hat sie mitgespielt (The King is alive). Das alles geschah offenbar ganz nach ihrem Geschmack: unspektakulär.

"Flesh & Blood" Sa 7.4. K 1, 23.00 Uhr

"Short Cuts" So 8.4. SWR, 23.35 Uhr