Belletristik Der Waschbär der falschen Welt
W. G. Sebald sammelt Andenken und rettet die Vergangenheit vorm Vergehen
Besonderes Interesse hat der Erzähler in W. G. Sebalds neuem Buch an einem Waschbären im Antwerpener Nocturama, den er dabei beobachtet, wie er mit ernstem Gesicht bei einem Bächlein sitzt und immer wieder denselben Apfelschnitz wäscht, als hoffe er, dadurch der falschen Welt entkommen zu können.
Im Antwerpener Bahnhof trifft er bald darauf einen Waschbären in Menschengestalt: Jacques Austerlitz, den Titelhelden des gleichnamigen Werks.
Sein Apfelschnitz ist die Baugeschichte von Festungen, Bahnhöfen, Justizpalästen, Folterkammern, Börsengebäuden, Opern, Arbeitersiedlungen und Irrenhäusern sowie die Familienähnlichkeit dieser Bauten und die durch die falsche Welt verursachten "Schmerzensspuren". Das finale Werk, an dem er sein Leben lang gewaschen hat, sollte Fragen der Hygiene, der Architektur, des Strafvollzugs, der Wasserheilkunst, der Abreise und der Ankunft, des Lichts und des Schattens, des Dampfes und der Gase umfassen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Projekt die Verliese gigantischer Zettelkästen nie verlassen hat.
Die Lebensgeschichte von Jacques Austerlitz
Der Erzähler ist ein Deutscher, der wie der 56-jährige W. G. Sebald schon jahrzehntelang in England lebt und der, wo er den Waschbären nicht die Worte vom Munde abliest, selber vom Waschzwang, der falschen Welt zu entkommen, befallen ist. Das Rencontre dieser beiden Geistesverwandten in flandrischen Wartesälen, Pariser Cafés und Londoner Studierstuben, der Rapport über seine Stück für Stück entdeckte jüdische Herkunft, den Austerlitz seinem deutschen Eckermann ins Heft diktiert, füllt die 400 Seiten dieses Werks, das Roman zu nennen dem Autor widerstrebt.
Zu Recht. Denn die Geschichte ist ja nicht erfunden. Sie ist noch nicht einmal literarisch gestaltet. Ähnlich wie die Lebensläufe in Sebalds erfolgreichem Erzählungsband Die Ausgewanderten ist die Lebensgeschichte des Jacques Austerlitz halb fiktiv, halb authentisch, der Bericht eines Berichts, ein literarischer Bastard, für den es allenfalls in den literarischen Dokumentationen Alexander Kluges ein Vorbild gibt.
Und ähnlich wie Kluge, der mit seinen exotischen Fundstücken aus dem wahren Leben das Paradiesgärtlein einer Geschichtsmetaphysik bepflanzt, wird auch Sebald von höheren Aspirationen getrieben. Die Geschichte des Jacques Austerlitz - Kind einer jüdischen Prager Schauspielerin, mit einem Kindertransport nach England gekommen, dort von einem calvinistischen Predigerpaar erzogen, begabter Internatsschüler und Wissenschaftler, der sich erst im Alter an seine vergessene Herkunft erinnert und ihr in Prag, Theresienstadt und Paris nachspürt -, diese Geschichte soll nicht um ihrer selbst willen erzählt werden. Sie soll gerettet, geordnet, katalogisiert, dem Chaos der Gegenwart entrissen werden. Die langsame Enthüllung der vergessenen Lebensgeschichte ist Teil einer Erzählstrategie, die das Vergangene nach Maßgabe eines sonderbaren Schamanismus des Imperfekts heilen und zu einem zweiten Leben als Reliquie erwecken soll.
- Datum 07.11.2008 - 12:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15/2001
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