Engagement
Hans Christoph Buch: Kain und Abel in Afrika. Roman
Verlag Volk & Welt, Berlin 2001
220 S., 38,- DM
Auf der Skala, die das Prestige literarischer Stoffe misst, rangiert der politisch engagierte Roman ziemlich weit unten. Er gilt als gut gemeint, aber bieder, dem Geist von amnesty international zu stark verpflichtet, um den Ansprüchen des Kunstverstandes zu genügen. Er steht im Verdacht, das Literarische nur als Dekoration zu verwenden, um Botschaften aus den Krisengebieten der Welt an den Mann zu bringen. Es ist erstaunlich, wie wenig Hans Christoph Buch das alles schert. Durch seine Tätigkeit als (Kriegs-)Reporter hat er den Zweifel an der Vereinbarkeit von politischem Moralismus und Schriftstellerei eher noch selbst genährt. Tatsächlich hatte sich Buch über die Katastrophe des Völkermordes in Ruanda in mehreren Zeitungsreportagen geäußert, bevor er sie als Roman fasste. Buch schreibt sehr sachlich, jeder seiner Sätze kennt die Unzulänglichkeit der Sprache angesichts eines Grauens, das die Vernunft übersteigt, jeder Satz respektiert die Grenze der Beschreibbarkeit von Massakern, Massengräbern, Leichenbergen.
Das ist eine Qualität des Romans. Die andere besteht darin, dass sich der Erzähler von seinem horriblen Stoff nicht überwältigen lässt. Er inszeniert die Erzählerschaft in einer doppelten Spaltung und Selbstspiegelung. Denn einerseits steht die Figur des Reporters, der 1995 nach Afrika reist und die Verfolgung der Hutu durch die Tutsi erlebt, in einem steten Dialog mit sich, spricht sich in der zweiten Person Singular an. Andererseits tritt er lange Passagen des Romans an einen anderen Erzähler ab, einen Vorläufer, den deutschen Arzt Richard Kandt, der 1897 in Afrika landete, um die Quelle des Nils zu suchen und in seinem Bericht die Quelle der blutigen Tragödie zwischen Tutsi und Hutu findet. Der Wechsel der Stimmen und Perspektiven, die historische Vertiefung, schmälern nicht das Engagement. Aber sie differenzieren es auf eine der Literatur zustehende Weise.
- Datum 05.04.2001 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15/2001
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