Wenn mittelständische Unternehmen Post von einem Dr. Dirk Alexander Reder bekommen, haben sie demnächst etwas zu feiern. Ein, höchstens zwei Jahre dauert es dann noch, bis das nächste runde Firmenjubiläum ins Haus steht.

Meist ist es der 75. oder der 100. Gründungstag, zu dem Reder sich meldet.

Doch sein Brief ist keineswegs ein verfrühtes Glückwunschschreiben, sondern ein Angebot für ein Geschäft.

Seit drei Jahren bietet der 35 Jahre alte Historiker aus Bornheim bei Köln einen ganz besonderen "Komplettservice" an: Reder recherchiert und schreibt Unternehmensgeschichten. Er treibt Fotos auf, kümmert sich um Grafik, Layout und Druck. Wer mehrere zehntausend Mark hinblättern kann, bekommt die fertig gebundene Festschrift in einer dreistelligen Auflage direkt nach Hause geliefert.

"Gut geschriebene Firmengeschichte ist besser als jede PR", sagt Reder, der Branchenverzeichnisse und das Internet gezielt nach Gründungsjahren von Firmen durchsucht. "Vor allem traditionsbewusste Unternehmer und Nachkommen alter, wohlhabender Familien interessieren sich dafür." Seinen Studienfreund Severin Roeseling hat er als Partner mit in sein "Geschichtsbüro" geholt, als ihm die Arbeit über den Kopf zu wachsen drohte. Inzwischen haben die beiden Historiker Auftraggeber vom Rheinland bis Bayern gefunden. Sieben aktuelle Projekte sind schon unter Dach und Fach, mit zwei Dutzend Unternehmen stehen sie gerade in Verhandlungen. "Wenn das so weitergeht, müssen wir uns noch mehr Hilfe von außen holen", sagt Reder.

Es ist gerade mal fünf Jahre her, da suchte der frisch promovierte Reder noch vergeblich einen Job als Historiker. Er bewarb sich bei Museen oder im Denkmalschutz - doch mehr als eine ABM-Stelle als Parkpfleger in Erftstadt sprang dabei nicht heraus. So blieb es zunächst bei seiner Festanstellung bei Siemens, im Marketing. Doch seine Leidenschaft für die Geschichte ließ Reder nicht los. Er gab seinen sicheren Posten auf und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit.

Es mögen ein paar Dutzend Historiker sein, die in Deutschland auf diese Weise "historische Dienstleistungen" anbieten. Außer mit dem Verfertigen von Jubiläumsschriften beschäftigen sich die freiberuflichen Geschichtswissenschaftler mit Archivrecherche, dem Erstellen historischer Gutachten oder dem Redigieren von Texten mit geschichtlichem Bezug. Sie nennen sich Vergangenheitsagentur oder Historymarketing GmbH und betreiben Geschichte gegen Stundenhonorar. Reich geworden ist damit zwar noch kein Historiker. Doch als Alternative zur Akademikerarbeitslosigkeit hat sich der neue Branchenzweig unter Examenskandidaten schon einen Ruf erworben.