Lange Jahre war sie fast jeden Nachmittag in dieses Haus gekommen, viel Geld und Nervenkraft hat sie hier verloren - und auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Schon hundert Meter davor wird die lebenslustige Frau Ende 30 unruhig. Sie blickt sich um, schließt ihren Burberry-Mantel und sagt, sie müsse jetzt hier abbiegen. Sie könne nicht an dem Haus vorbeigehen, immer noch nicht. Da vorn stehe das Fahrrad ihrer Freundin, sagt sie, die sei nach wie vor bei diesem Institut. Sie verabschiedet sich kurz, zu viele Erinnerungen werden wach, und geht schnell davon. An dem Eingang des herrschaftlichen Gebäudes steht auf einem polierten Messingschild: Successcamp.

Dieses Institut ist nur ein Beispiel eines neuen Phänomens. Nach der großen Zeit von Hippie-Sekten (Siebziger) und Scientology (Achtziger) wächst eine neue Generation von so genannten Psychokulten heran. Die New Economy ist der perfekte Ort, um leichtgläubige Opfer zu finden: Sie tarnen ihre Mission als Persönlichkeitstraining. Die Ausbildung reicht nicht mehr aus, proklamieren sie, lebenslanges Lernen auch nicht, es gehe um den vollen persönlichen Einsatz in der Arbeit, um emotionale Intelligenz, Kreativität, Teamgeist. Der Markt boomt für persönliches Coaching. Hier hat sich eine Tür geöffnet für Gruppen, die irgendwo zwischen Esoterik und Psychotherapie operieren, denen es aber gar nicht um die Weiterentwicklung der Persönlichkeit geht. Sie wollen eine langfristige Beeinflussung, es geht um Geld und Macht.

Die Erkenntnis, auf die Psychotricks unseriöser Anbieter hereingefallen zu sein, ist schmerzhaft. Meist rufen bei Sektenberatungsstellen nicht Betroffene, sondern die Angehörigen an. Die Ehefrau, der ihr Mann seit einem Fortbildungsseminar unheimlich geworden ist. (Weil er den Alltag mit paramilitärischen Mitteln organisiert.) Über so etwas zu reden ist nicht einfach: Das Schamgefühl kann sogar so weit gehen, dass Betroffene lieber dabeibleiben, als auszusteigen.

Es ist schwer, Menschen zu finden, die davon sprechen wollen, dass sie manipuliert wurden und selbst manipuliert haben - im besten Glauben an den einzigen wahren Weg zum erfolgreichen Leben. Dennoch sind die Aussteiger des Instituts bereit, das erste Mal von ihren Erfahrungen zu berichten. Sie wollen anonym bleiben, der Name des Instituts soll nicht genannt werden, zu ihrem Schutz, denn sie wissen, was Aussteigern drohen kann. Nächtliche Anrufe, zerstochene Autoreifen, Rufschädigung. Sie treffen sich in einer Hamburger Büroetage, die sich junge Unternehmen teilen. Hier stehen sonst die Bürotüren offen, der Umgangston wirkt locker. Das ist an diesem Abend anders.

Ernst und sachlich beginnt Anette M. zu erzählen, wie es der Psychogruppe irgendwann nur noch um den bedingungslosen Erfolg ging. Von der Institutsleiterin, die anfangs zu Gruppengesprächen nach Zürich gefahren war, zu einem Verein, der auf Theorien des berühmten Individualpsychologen Alfred Adler aufbaute und diese, mit anarchistischen Thesen angereichert, zu einer ganz eigenen Therapie verformte. Obwohl mir diese Frau von Anfang an extrem unsympathisch war, sagt sie, schaffte sie es, mir zu vermitteln, dass ich über mich selbst nichts weiß und nur sie den Schlüssel zu meiner Seele hat.

Mit der Zeit habe die Gruppe sich ausschließlich über seelische Befindlichkeiten unterhalten, und dies in einer verschraubten Sprache, mit neu definierten Begriffen, die außerhalb des Kreises zu Irritationen führten.

Sie gab Freunde und Familie langsam, aber bestimmt auf. Das ganze Leben wurde von dem Institut okkupiert, es blieb keine Freizeit, kein Privatleben. In den immer häufiger stattfindenden Sitzungen erfuhr Anette M. jedes Mal, dass sie noch ganz am Anfang stehe. Manchmal habe die Institutsleiterin sie dann nach einem dieser Gespräche angelächelt, was wie eine Erlösung gewirkt habe, und ihr eine kleine, kalte, schlappe Hand gereicht. Dieser Händedruck hätte auf seltsame Art etwas Päpstliches gehabt. Sie lacht. Wie man über die Szene eines Filmes lacht, deren verborgener Witz einem erst später einfällt.