E R E I G N I S Wo ist das Öl?

Nach der Tankerkatastrophe in der Ostsee sind die Dänen gelassen geblieben. Die Deutschen machen sich mehr Sorgen

Mit dem bisschen Öl, das den Strand von Harbølle im südwestlichen Teil der Insel verschmutze, werde man auch schnell fertig. Und wenn im Sommer trotzdem Öl angeschwemmt wird, hat Büchert schon eine schöne Idee: »Dann stellen wir am Strand ein paar Eimer auf und legen einen Spaten dazu. Die Touristen können sich dann selbst den Spaß machen und die Ölklumpen einsammeln.«

Immer noch weiß niemand, wo etwa 300 der 3000 Tonnen Öl geblieben sind. Vermutlich schwimmen sie irgendwo im Fahrwasser vor Møn. Wenn ein Sturm Bewegung in das Wasser bringt, muss man damit rechnen, dass Öl angeschwemmt wird. Nicht nur in diesem Jahr. Über diese unerfreuliche Perspektive zu sprechen, überlässt Büchert lieber Annette Tenberg. Die Umweltreferentin seines Touristbüros sieht die Sache nicht ganz so gelassen wie ihr Chef. »Es war ein Schock, als ich von dem Öl hörte.«

Vor acht Jahren kam sie aus Hildesheim nach Møn, nicht zuletzt der intakten Natur wegen. Annette Tenberg ist Deutsche - und aufgebracht. Genau da, wo das Öl Møn erreicht hat, an der Küste vor Harbølle, haben sich in den letzten Jahren ein paar Deutsche niedergelassen. »Die Deutschen«, sagt Annette Tenberg, »waren die Ersten, die ihre Gummistiefel übergestreift haben und an den Strand gegangen sind, um das Öl aufzusammeln. Die Dänen haben sich das Ganze erst einmal angesehen. Jetzt sind sie auch dabei.« Die Befürchtung, dass viele der Deutschen, die schon seit Jahren auf Møn Urlaub machen, absagen würden, hat sich nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil. »Bei uns haben viele angerufen und gefragt, ob sie helfen könnten. Einzelne Stornierungen hat es natürlich gegeben, aber das sind Ausnahmen.«

Größere Sorgen bereitet der Umweltreferentin etwas ganz anderes. Gerade hat sich Møn als eine von sieben ausgewählten Modellregionen in Dänemark bei der EU um die Anerkennung als ökologisch wertvolle Region im Rahmen der Agenda 21 beworben. Voraussetzung: eine intakte Natur. »Das können wir jetzt wohl fürs Erste vergessen«, sagt Annette Tenberg. Denn dass die Strände Møns und das Badewasser bis zum Sommer wieder so klar und sauber sein werden, wie ihr Chef in einer Pressemitteilung prognostiziert hat, das würde sie nur zu gerne glauben - wenn sie könnte.

Seit 20 Jahren lebt das deutsche Ehepaar Kreisel auf Møn. Sie fühlen sich wohl hier. Ihr Haus steht am Ende eines Feldweges, hinten rauscht der Wald, vorne das Meer. »Kommen Sie«, sagt Renate Kreisel. »Ich muss Ihnen etwas zeigen.« Im Laufschritt geht es 20 Meter über den grünen Rasen auf eine hölzerne Plattform mit einer grandiosen Aussicht auf den Strand und das Meer. »Sehen Sie etwas«, fragt Renate Kreisel atemlos, »sehen Sie etwas? Nein? Genau das ist es. Man sieht es nicht. Aber es ist trotzdem da.«

Im Garten der Kreisels steht eine große Plastiktonne. Randvoll mit aufgesammeltem Öl. »Wir wissen bis heute nicht, wohin damit. Niemand konnte es uns bisher sagen.« Die Kreisels haben ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. »Das ist vielleicht etwas typisch Deutsches. Aber wir konnten doch nicht einfach nur dastehen und zusehen.« Jeden Tag seit dem Unglück geht das Ehepaar an seinen Strand und gräbt nach Öl.

Dass der Spuk bald vorüber sein wird, das glauben die beiden nicht. »Es hat doch keinen Zweck, sich und den Touristen etwas vorzumachen. Die Leute müssen wissen, was hier los ist. Wenn die Urlauber in dem Glauben kommen, dass die Strände sauber sind, und dann in Öl treten, dann fühlen sie sich doch für dumm verkauft und kommen so schnell nicht mehr wieder.« Und deshalb sagt Hans Walter Kreisel, was der Touristchef Büchert so ungern hört: »Wir werden noch einige Jahre mit angeschwemmtem Öl zu tun haben. Ob wir das wollen oder nicht.«

Zehn Vögeln pro Tag gibt er den Gnadenschuss

Randi Hansen ist 58 Jahre alt. Sie leitet den kleinen Lebensmittelladen des Dorfes. »Wenn die Touristen nicht mehr kommen sollten, dann ist der Laden tot.« Randi Hansen ist eine Freundin offener Worte. »Ich bin sehr glücklich. Weil das meiste Öl nach Bogø getrieben ist und wir nur ein bisschen abgekriegt haben.« Wie die Saison wird, darüber wagt sie keine Prognose. »Wir Dänen regen uns nicht so auf. Wir nehmen es, wie es kommt. Die Deutschen sind immer so aufgeregt.« Und überhaupt, die Sache mit dem Öl ist sicher schlimm, aber so schlimm nun wieder auch nicht. »Als ich jung war, war der Strand immer voller Öl. Wir kannten das gar nicht anders. Wir sind trotzdem baden gegangen.«

Leif Rasmussen lebt von den Deutschen. Oder, besser gesagt: lebte. Denn die Deutschen, sagt er, »kommen nicht mehr«. Seit 20 Jahren ist Rasmussen Wirt in Dammes Kro in Store Damme, einem dieser für Dänemark so typischen Landgasthöfe, in denen auf eine sympathische Weise die Zeit in den siebziger Jahren stehen geblieben ist. Die Katastrophe hat er schon hinter sich. Um 75 Prozent ist die Zahl seiner deutschen Gäste, die meisten Tagestouristen, eingebrochen. Viel schlimmer kann es für ihn also kaum kommen, was die Urlauber aus Deutschland betrifft. Jetzt macht er seinen Umsatz mit Norwegern und Schweden, die Møn entdeckt haben, seit es die Brücke über den Øresund gibt.

Rasmussen ist Hobbyjäger. Er war einer der Ersten, die am Tag nach dem Unglück gerufen wurden, um den ölverdreckten Vögeln den Gnadenschuss zu geben. 400 Vögel musste er an den ersten beiden Tagen erschießen. Jetzt sind es höchstens noch zehn pro Tag. Über die Zahlen, die aus Deutschland zu hören sind, kann er nur den Kopf schütteln: seltsame Hysterie. 8000, vielleicht 10 000 Tiere hätten getötet werden müssen. Aber keinesfalls 20 000. So schlimm sei das alles doch gar nicht. »Wir tragen es mit Gelassenheit«, sagt Rasmussen, »die Natur wird sich wieder erholen.«

Anne-Lise Andersen ist ein optimistischer Mensch. Seit fünf Jahren leitet sie das Schokolade-Museum auf der Insel Bogø. Die Ausstellungsräume liegen im ersten Stock einer Raststätte, direkt unterhalb der Brücke, die Falster mit Seeland verbindet. Bogø ist die Nachbarinsel von Møn und am stärksten von der Ölverschmutzung betroffen. Aus den Panoramafenstern ihres Museums hat Anne-Lise Andersen den perfekten Blick auf die Katastrophe. »Es hat Spaß gemacht, wenn Journalisten aus Deutschland bei mir angerufen haben und wissen wollten, wie die Lage ist.«

Der Parkplatz vor dem Museum steht voller Bergungsfahrzeuge, ein leichter Ölduft weht herüber. Das ficht Anne-Lise Andersen nicht an. Ihre Besucher kommen schließlich nicht wegen des Öls, sondern wegen ihrer Schokolade. Am 14. April eröffnet sie die Saison mit einem »Knaller«: mit 8000 bis 10 000 Figuren aus Überraschungseiern. »So etwas hat es auf der ganzen Welt noch nie gegeben«, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. Wen interessiert das bisschen Öl. Wenn es Schokolade gibt, die glücklich macht.

 
  • Quelle
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service