Wenn der Schlusspunkt hinterm Roman steht, darf der Schriftsteller sich zurücklehnen. Dachte er bisher. Doch je geringer die Furcht, desto näher die Gefahr. Susanna Tamaro hat es versäumt, auf der Hut zu sein: Habe ich mein Zitatenlexikon unauffällig genug verwendet, dass die Leute mich für ein Originalgenie halten? Habe ich alle Gedanken unterdrückt, für die bereits ein Flinkerer das Copyright erworben hat? Soeben wurde die Bestsellerautorin von ihrer Freundin Ippolita Avalli verklagt - wegen der angeblich gestohlenen Formulierung "herabhängender Schnauzbart" sowie anderer spektakulärer Parallelen zwischen dem im Januar in Italien erschienenen neuen Buch der Tamaro (Rispondimi) und Avallis 1997 veröffentlichtem Roman Göttin der Küsse.

Vorbei die Zeiten, da Intertextualität als unvermeidliche Eigenschaft aller Literatur begriffen wurde. Passé der lässige Fatalismus, mit dem der römische Komödiendichter Terenz bemerkte: "Es gibt schließlich kein Wort mehr, daß nicht schon früher gesagt worden wäre." Joanne K. Rowling muss sich vor Gericht unter anderem deshalb rechtfertigen, weil in ihrer Zauberwelt Hexenbesen als Fortbewegungsmittel dienen. Diese extraordinäre Idee hatte bereits Rowlings Konkurrentin Nancy K. Stuffer für ihre Larry Potter-Serie.

Geahndet werden soll also keineswegs der Raub an geistigem Eigentum, wie man es seit dem 18. Jahrhundert zu schützen versucht. Hier streiten mitnichten redliche, von Plagiaren verbitterte Kreative. "It's not bitterness, it's business", spricht Mrs. Stuffer, und wir freuen uns auf die unterhaltsamen Prozesse, angestrengt von (um Thomas Bernhard zu plagiieren) kleinbürgerlichen Antitalenten, die sich benehmen, als wäre der Sturm und Drang ausgebrochen und jeder naive und sentimentale Dichter gleich ein Genie im Schillerschen Sinne.

Da wird es wenig helfen, berühmte Diebe wie Brecht oder die Selbstplagiate Kleists ins Feld zu führen. Schon droht die Fortsetzung jener sechsbändigen Ausgabe von Lessings Plagiaten, die 1890 als bisher hysterischster Ausdruck des Originalitätswahns erschien. Wenn jedes literarische Motiv zu seinem Ausgangspunkt zurückverfolgt ist, können wir unsere Bibliothek auf dreieinhalb Bücher zusammenschreddern. (Denn alles, was du hast, hat irgendwann dich. Wer sagte das noch?) Den Schredder darf anschalten, wer in Susanna Tamaros Texten etwas findet, was noch nie zuvor gedacht wurde.

Allerdings muss der urheberrechtlich beglaubigte Genius sich nicht wundern, wenn er demnächst wegen eines gebrochenen Beins ins Krankenhaus humpelt und wieder heimgeschickt wird mit dem Vorwurf, er solle sich etwas Originelleres einfallen lassen, als das Leben auf so abgedroschene Weise zu plagiieren.