G E S C H I C H T E Der sterbende Schwan

Berlins Palast der Republik, Symbol des deutschen Umgangs mit Geschichte, wird 25 Jahre alt von 

Spinner oder Spitzel, wer wollte das entscheiden. Im Herbst 1979 war's, in der Ostberliner Theologenkneipe. Das Bockbier rauschte, die Reden wurden kühn, da saß plötzlich ein Unbekannter mit am Tisch. Er sei der Genosse Dynamit. Er habe einen todsicheren Plan zur Beendigung des Mauerstaates DDR. Die Kugel des Fernsehturms wolle er so vom Betonstängel sprengen, dass sie Unter den Linden entlangwalzen und durchs Brandenburger Tor eine Schneise in den Westen schlage werde. Wann? Die Vorbereitung brauche natürlich Zeit. Zehn Jahre, sprach der Mensch und sah stechend in die Runde. In zehn Jahren sind wir alle frei.

Das war noch lange hin. Wir fragten, ob Genosse Dynamit nicht fürs Erste mal die Domruine sprengen könne, die wilhelminische Gotteslästerung am Lustgarten. Geht nicht, sagte er. Ohne Dom klappt die Spree-Insel links hoch wie eine Wippe, und rechts versackt der Palast der Republik. Hierauf erhoben sich Schrecken und Begeisterung, je nachdem, ob man im Palazzo prozzi ein wahres Haus des Volkes erblickte oder eine Propagandaschachtel der SED-Diktatur. Genosse Dynamit verschwand. Es blieb der Streit um den Palast.

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Auch die Palast-Geschichte hat mit einem Sprengmeister begonnen. 1950 ließ Walter Ulbricht die gut erhaltene Ruine des Hohenzollernschlosses in Schutt und Asche sinken. Dafür erstand ein Mythos: das Herz der alten Reichshauptstadt, die Krone der Schöpfungen von Schlüter und Eosander ein Raub der Kommunisten. Selbst Palast-Architekt Wolf R. Eisentraut nennt den Schlossabriss die Untat des Ulbricht.

1968 kam ich aus Sachsen nach Berlin, erzählt Eisentraut. Wenn Sie damals im Winter vom Alexanderplatz zum alten Lindencorso liefen, das war wie 'n Marsch durch die Arktis. Stadtbrache, die Unwirklichkeit par excellence. Es gab zwar unter Ulbricht Planungen für ein zentrales Regierungsgebäude, so mit Hochsicherheit und Wache vor der Tür. Na, manches wendet sich zum Guten, weil kein Geld da ist. Mit Honecker kam dann ein Paradigmenwechsel: Helsinki-Konferenz, DDR-Anerkennungswelle, bescheidene Öffnung. Honecker wollte das Wohnungsbauprogramm und in der Stadtmitte ein repräsentatives Haus. Heinz Graffunder wurde Chefarchitekt und stellte sich ein kleines Kollektiv zusammen - ich dabei, ein junger Mann frisch von der Bauakademie. Klar war, dass wir modern bauen würden, aber das multifunktionale Volkshaus hat sich erst im Prozess entwickelt. Vorgaben hatten wir nur zwei: einen großen Saal und einen für die Volkskammer.

Und der lange Bonzenbalkon vor der Westfassade? Von dort wollte doch Honecker seinem jubelnden Volk zuwinken.

Sie wollten den Balkon, sie haben ihn gekriegt, sagt, sächsisch lächelnd, Eisentraut. - Honecker & Gen. winkten dort einmal und nicht wieder. Vor der riesigen Glasfront schmolz die Parteiführung zur Zwergenbrigade. Fortan wurde wieder in der Karl-Marx-Allee gejubelt.

Aber wir greifen vor. Zurück zum 2. November 1973, dem Tag der Grundsteinlegung. Erich Honecker platziert drei Hammerschläge aufs sozialistische Vaterland, auf dessen Volk "samt seinen gewählten Organen" und auf die Palast-Erbauer: Monteure, Ingenieure, Architekten, Künstler, Volksarmisten, Soldaten der Roten Armee - sie alle versammelt Der Palast der Republik, ein proletarisches Bilderbuch jenes Bauhelm-Sozialismus, der Honeckers Träume illuminierte. Wir blicken in stolze, realistische Gesichter. Wir mögen spüren: Hier herrscht die Arbeiterklasse. Und krönt mit ihrem Werk sich selbst, das Volk.

Das Volk, nun ja. Durchs Land DDR läuft Klage über den Ballast der Republik: Was die Bude kostet! Wer da wohl reindarf! Alles geht mal wieder nach Berlin, und in den Bezirken bröckelt's vorn und hinten. - Indessen wächst Graffunders Werk gewaltig: 182 Meter lang, 86 Meter breit und 32 Meter hoch. 12 000 Menschen bauen am Palast. Sie heben 200 000 Kubikmeter Boden aus, sie rammen 500 Meter Stahlwand gegen die Spree. Fünf Stockwerke führen sie auf und fertigen drinnen dreizehn Restaurants, Diskothek, Theater, Bowlingbahn, Gemäldegalerie, das riesige lichte Foyer und als europäischen Solitär den großen Saal, dessen Halbarena binnen Minuten stufenweise zwischen 5000 und 1500 Plätzen variiert werden kann. 8000 Quadratmeter belgisches Bronzeglas hüllen das Haus wie eine Vitrine, weißer bulgarischer Mamor rahmt es elegant. Vor dem halb fertigen Bau posiert fürs Heldenfoto die Brigade Schaller. Mit 750 Tonnen englischem Spritzasbest, dem Teuersten vom Feinsten, bewehrte sie das Stahlgerippe gegen Feuersbrunst. Und ahnt nicht, was sie angerichtet hat.

Nach 32 Monaten Bauzeit ist es vollbracht. Am 23. April 1976 wird der Palast eröffnet. Erich Honecker, glücklich wie ein Kind, tanzt mit Frau Margot Walzer und schäkert mit Westkorrespondenten, die sich vom Tisch des Politbüros Spargel und Kartoffelsalat holen. Tony Christie schmettert "Happy birthday!", Katja Ebstein singt und lobt. Die Fidelio-Ouvertüre wird gespielt und (dem Imperialismus?) der Sterbende Schwan getanzt. Der Dichter Helmut Baierl vergießt 102 Zeilen Weihehymnik: Presslufthämmer stießen ins Gedärme des alten Kaiserschlosses. Und Sprengung! Ausschacht! Pumpenstation, Verbündeter der Spree und dann ihr Herr. Erhob sich Jahr's darauf das Filigran des Stahlskeletts (...). Jedoch der Bau an dir wird nie zu Ende sein. Denn er heißt: Friede! Heißt: Kommunismus! Heißt: die ganze Welt! Dies sei der Mörtel, der dich, Haus, im Herzen unserer Stadt Berlin für stets zusammenhält.

Das Volk strömte. 100 000 Besucher am ersten Wochenende, sagt Klaus Wons, 60 Millionen bis zum Ende der DDR. Unser Jugendtreff war immer überfüllt. - Bis 1975 hatte Wons einen Treptower Jugendklub geleitet. Als man ihn an den künftigen Palast berief, war er 38 und total perplex: Jugendtreff, da müssen Jüngere ran, hab ich gesagt, Bessere. Da hamse wirklich und Tatsache gefragt: Wer denn?

Wons durfte seine Truppe selbst zusammenstellen. Er schneiderte Revuen, Diskussionsabende, Schülertreffs, Konzerte ... Nach vier Jahren stieg er auf in die Palast-Programmredaktion. Wons sprudelt: Die Volksfeste waren meins, Ostern im Palast, in der DDR gab's ja wenig Blumen, da hab ich diese Gärtnerei in Kaulsdorf beschwatzt, und die Bäckerei in Weißensee, dass sie mir Käsebrezeln backen, und ins Erzgebirge bin ich runter, zu diesen beiden alten Damen, die warn fast hundertachtzig Jahre alt, zusammen natürlich, die schnitten Weiden, wässerten sie, trockneten, bügelten sie und flochten diese schönen Osterkörbchen, 3000 Stück, das war fast'n Kopfstand. Ach, und die Hochzeitspaare, weiße Kleider, dunkle Anzüge, oder helle, nach der Trauung zogen sie zur Neuen Wache, ham da ihre Blumen niedergelegt, und dann kamse zu uns feiern, wissense, wie schön das war?

Es war die Zeit seines Lebens.

Hatten Sie nie Probleme mit der DDR?

Ich hab mich dort einbefunden, sagt Klaus Wons, das Arbeiterkind. Vater Zigarrendreher, Kommunist, Angeklagter vor dem Volksgerichtshof. Bombennächte, Flucht durch den brennenden Wedding; und dann, 1949, Auferstanden aus Ruinen, die Gründung der DDR. Fackelzug Untern Linden, durft ick mitlaufen mit mein' großen Bruder, Wilhelm Pieck sprach, das war doll. - Ins Grübeln kam Wons, als viele seiner DDR-Stars die Republik verließen: Angelica Domröse, Hilmar Thate, Veronica Fischer, Manfred Krug ... Die sinnlosen Schikanen gegen die Bürger, sagt Wons. Westreiseverbot, selbst wenn die Mutter gestorben war. Wir haben offen diskutiert. Die Kreisebene hat's gefiltert, der Bezirk noch mal, oben an kam ein Prozent. Die Führung war total volksfern.

Artiges Volk, marmorne Kellner und prima Soljanka

Heute ist Wons rastloser Rentner. Er schafft im Kulturverein Lichtenberg, leitet eine Kindertheater-Gruppe, kämpft via Bundestags-Petition darum, dass die 1700 Palast-Mitarbeiter endlich, wie versprochen, abgefunden werden und organisiert im Theater Karlshorst den Kleinen Kessel Buntes. Ich dachte, sagt er schlicht, dass bei einer deutschen Einheit das Gute von beiden Staaten zusammengeführt wird. Stattdessen wird eine geschichtliche Epoche abgerissen, und statt des Wir regiert Ich, Ich, Ich. Und die Arbeitslosigkeit, die Obdachlosen ...

Und dies ist des Reporters Erinnerung an den Palast: Artiges Volk. Ordnungshüterisches Foyerpersonal, marmorne Kellner. Prima Soljanka und Ragout fin. Unbekömmliche Riesenschinken in der Gemäldegalerie Wenn Kommunisten träumen. Christa Wolf und Erich Fried im Palast-Theater. Daselbst vor der Fensterfront die wunderbare Schweizer Jazzband OM, in deren Rücken die Sonne sinkt, als schmelze die Friedrichstadt, als glühten die Linden. Au!, ruft Egon Krenz, als du ihm auf den Fuß trittst. Freundschaft!, lallt der besoffene Fernsehstar aus der Serie Rächer, Retter und Rapiere, der dir in der Bowling-Toilette auf die Schuhe pullern möchte. Rock für den Frieden, jährlich weniger steif, bis sogar Punk-Bands eingelassen werden. 1987 zwei ekstatische Santana-Konzerte: weinende Musiker, tobendes Volk. 1988 Mitch Ryder, das Detroiter Nebelhorn, Soul Kitchen heulend, War, Freezin'n Hell im atemlosen Dunkel des großen Saals. I wrote this song of love for your city, sagt Ryder, but I don't even know you people. Dann gurgelt er eine Killerballade, dass es dich überläuft: I have heard the last child's cry / I swear to God no more must die / I'll have no answer for my sin / When the bombs stop fallin' on Berlin.

Und dann ist der Kalte Krieg vorbei. Die Mauer fällt. Bei den freien Wahlen am 18. März 1990 nimmt die Weltpresse im Palast Hauptquartier. Die Volkskammer verdient fortan ihren Namen. Die deutsche Einheit naht, da betritt am 19. September Sabine Bergmann-Pohl, die finale Staatsmutter der DDR, den Palast mit einer Gasmaske. Asbest! In schon verloren geglaubter Einstimmigkeit flieht das DDR-Parlament. Das Haus wird geschlossen, dann geräumt, das Inventar verschleudert oder deponiert.

Mit dem 3. Oktober 1990 gehört auch Ost- zu Westberlin. Dessen Regent E. Diepgen (CDU) ist ein so freiheitlicher Frontstadt-Demokrat, dass er unmöglich ins Rote Rathaus ziehen kann. Die Backsteinburg muss nun Berliner Rathaus heißen. Nicht zustande kommt Eberhard Diepgens Umbenennung. Dabei hieß doch auch der letzte FDJ-Chef Eberhard. Diepgen wünscht Asbestbeseitigung, bis vom Palast der Republik "nur noch Zahnstocher" übrig bleiben. Dann Abriss! Kanzler Kohl: Möglichst rasch!

Ein neuer Akteur betritt die Bühne: Wilhelm von Boddien, Hamburger Landmaschinenhändler. Boddien hat einen Spleen: Er will das Hohenzollernschloss zurück. Wie i-Tüpfelchen ohne i stünde sonst die Berliner Klassik herum, und dem Lustgarten fehle die Platzwand. Aus einer Schnapsidee wird die Kollektiv-Vision der Fridericus-Rex-Fraktion und National-Berliner. Gewaltige Publizistik rauscht über die ortlose Mitte der künftigen Berliner Republik. Baukommissionen wettbewerben und beschließen den Palast-Abriss schier siebenmal, ohne dass sie wüssten, was, wenn nicht Kommerz, ein Schloss zu bieten hätte, das der Palast nicht schon besäße. Indessen wünscht das Ostberliner Volk laut Infas-Umfrage zu 98 Prozent, den Palast zu erhalten. Der rottet vor sich hin; der Marx-Engels-Platz davor verkommt zur Rummelstätte. 1993 errichtet von Boddien auf dem nun wieder Schlossplatz geheißenen Areal eine dottergelbe Schlossattrappe aus Zeltbahnen. Das Publikum ist gespalten - bis heute.

Vielleicht sieht 'n Schloss schöner aus, sagt die Skaterin.

Der Palast wär 'ne prima Riesenbücherei, sagt der Junge mit dem Walkman.

Furchtbar, der Palast, sagt die Bayerin. Ihr Mann, Engländer: Das ist deutsche Geschichte, die soll man nicht vernichten, sondern integrieren, sonst macht man dasselbe wie der Ulbricht.

Ich bin unpolitisch, sagt die Schwäbin, ich registriere mehr so.

Ich durfte zur Nationalratstagung im Palast weilen, spricht die Mecklenburgerin. Nationale Front, das war ja unsere Volksbewegung in der DDR. Der Gatte: Jeder einfache Mensch durfte da rein, vom Arbeiter bis zum Professor. Sie: Im Fernsehen kam, dass Restaurierung teurer wär wie Abriss, da sprach ich gleich zu meinem Mann: Du, dat will ich nicht ganz glauben. Er: Die DDR soll weggeschliffen werden. Aber die hat's doch gegeben, ich will ja nu keine politische Revue passieren lassen, ich tu das mal unter den Deckmantel Historie, verstehen Sie?

Man legt fest: Richtige Geschichte ist nur das falsche Schloss

Wir verstehen, doch schon naht ein altes Frontstadtkind, so nennt sich die Dame, und wünscht sich den Palast Patjomke: Fassade mit was anderem drin. Das Stadtschloss? Sei ein hässlicher fehlproportionierter Kasten gewesen. Sie verbitte sich, dass da ein Treckerhändler herläuft und sagt: Wir wolln det noch mal.

Und dann kommt der Treckerhändler. Aber er sieht nicht so aus. Ein blaugold betuchter Hanseat rückt uns auf die Pankower Bude und überschüttet uns zwei Stunden lang mit Schloss-Emphase: Wie er Fan wurde. Wie er sich belas, bis er sozusagen im Schloss spazieren gehen konnte. Wie er bedeutende Persönlichkeiten gewann: Joachim Fest, Wolf Jobst Siedler, Otto von Simson, den Nestor der hiesigen Kunsthistoriker. Öffnen Sie mir die Türen!, habe er gebeten; er wolle der Arbeiter sein. So ist es geblieben, sagt von Boddien, mit einem Unterschied: Heute brauche ich keinen Türöffner mehr.

Wilhelm von Boddien ist eine charmante Mischung aus Hobbyist, Hansdampf und privatgelehrtem Parvenü. Er benötigt keine Fragen. Moment noch!, ruft er. Augenblick! Nur noch eins! Die Ostdeutschen verstehe er sehr gut. Der Palast sei doch nur deshalb zum Identitätsanker geworden, weil man den Ostlern nach der Wende in Bausch und Bogen die Lebensgeschichten gekappt habe. (Irgendwann hat er also doch mal zugehört.) Helmut Schmidt gab mir total Recht, sagt von Boddien. Zynisch, wie Schmidt ja manchmal sein kann, hat er gesagt: Die bundesdeutsche Wirklichkeit wird diese Menschen nicht mehr integrieren. Das löst sich nur durch biologischen Abgang. (Klatscht auf die Sessellehne.)

Frau von Boddien, wie sehen Sie denn die Leidenschaft Ihres Mannes? (Herrje, sie hat ja noch den Pelzmantel an.)

Es war eben immer sein einziges starkes Interesse, sagt Frau von Boddien milde und schaut vom Strickzeug auf. Ich selbst hab immer geschmunzelt, und bei unserer Silberhochzeit haben unsere Kinder ...

Fünfe haben wir, sagt von Boddien.

... ihn ziemlich hochgenommen, aber ...

Können ja gnadenlos sein, Kinder, sagt von Boddien.

... als die Atrappe fertig war, sind wir nach Berlin gekommen, und die Kinder sagten: Mami, Papa hat doch recht. Seitdem wird er zu Hause nicht mehr lächerlich gemacht. Er ist ein Künstlertyp. Er hat es einfach in sich, oder seh ich das falsch?

Was treibt mich?, spricht von Boddien, sich nun doch einer Frage konfrontierend. Ich kann ja selber keine klare Antwort geben. Verrückt, es ist wirklich verrückt!

Wilhelm von Boddien empfahl uns noch seine Feindin Lieselotte Schulz, die Aktivistin der Bürgerinitiative Pro Palast. DDR-Staatslächeln, rügte von Boddien, Fähnchenschwingergesicht! Wir besuchten lieber Rudolf Ellereit, den Sprecher von Pro Palast. 78 ist er, alter Hochschullehrer, liebte den Palast, tanzte bei den Bällen dort mit seiner Frau. Die liegt nun im Krankenhaus. Der einsame Herr Ellereit kocht Kaffee, kredenzt Mon Cherie und weiß, dass man mit Unterschriftenlisten keine Politik gewinnt, wenn die andere Seite Geld und Medien hat. Ellereit hat die Palast-Geschichte, alles, eine Wand von Erinnerungsordnern, darin auch den Brief von Martina und Jürgen Helmig: "Am 7. 9. 79 haben wir im Palast geheiratet. Das Bemühen und die Umgangsformen des Bedienungspersonals bleiben nicht nur wegen der Preisklasse bis heute ohne Vergleich. Das beigefügte Photo widerspiegelt vielleicht auch für Sie das Glück und die erfüllte Freude des damaligen Augenblicks und es nährt noch heute unsere Sinne und Gefühle auf die angenehmste Art und Weise."

Wir besuchen die Helmigs. Die Ehe hielt, der Sohn ist geraten, der Palast fehlt ihnen: eine kulturelle Mitte fürs Berliner Volk. Keineswegs würden sie in Boddiens Schloss Silberhochzeit feiern. Ich gehöre in kein Schloss, sagt Martina Helmig, und Gatte Jürgen: Die da drin jelebt haben, die hätten mich nich mal mit'n Arsch anjekuckt.

Darf ich einen Wunsch äußern?, fragte zum Abschied Wolf R. Eisentraut, der Palast-Architekt.

Wünschen kann man immer.

Ich wünsche den Palast erhalten, aber städtebaulich relativiert. Und bitte stellen Sie mich nicht als DDR-Verfechter dar. Ich bin ein Architekt der Moderne. Mir geht es um den Geist dieses neuen Deutschland, und Berlin ist der Testfall. Man behauptet, Geschichte wiederzufinden, wenn das Schloss zurückkehrt. Man legt fest: Geschichte ist Hohenzollernherrlichkeit. Das ist ahistorisch. Wir tragen zwei deutsche Weltkriege, und seitdem hat wiederum Geschichte stattgefunden.

Dann entschwand Eisentraut. Die Asbestbeseitigung geht weiter. In einem Jahr soll sie abgeschlossen sein. Dann steht der Rohbau, 500 Millionen wert, und wir können Richtfest feiern.

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