Birma Pionierfahrt auf dem Irawady
Noch nie sind Touristen auf Birmas großem Strom so weit nach Norden vorgedrungen. Beim Besuch in den Dörfern stellt sich die beklemmende Frage: Wer besichtigt hier eigentlich wen?
Nach der glücklichen Rückkehr über den immer noch aufgewühlten Fluss erklärt mir die Deutsch sprechende Reiseleiterin Myint Myint Gyi, die sich der Einfachheit halber Mimi nennt, warum wir uns auf dieser Flusskreuzfahrt so sicher fühlen können wie die Erbsen in der Schote: weil Birmanen wissen, wie sie die Zuneigung der allgegenwärtigen Geister und Dämonen gewinnen können. Wozu sonst stünde der kleine Altar auf dem Deck? Um ihn sind Frangipaniblüten drapiert, dazwischen liegen Bananen und Birnen, Räucherstäbchen verbreiten Sandelholzduft. Und wann immer wir in das Revier eines neuen Flussgeistes einfahren, trägt ein Steward in weißer Livrée neue Opfergaben zum Vordeck und legt sie dort feierlich nieder.
Solche animistischen Rituale verblüffen in einem Land, in dem die buddhistische Gläubigkeit der Menschen so sichtbaren Ausdruck findet wie sonst nirgendwo in Asien. Überall begegnet man den Mönchen in ihren safranroten Kutten, und es scheint mehr Tempel, Pagoden und Klöster zu geben als Wohnhäuser. Für Birmanen liegt in diesem Nebeneinander von Geistern und Geistlichkeit kein Widerspruch. Mit den 37 Nats, den wichtigsten aller unsichtbaren Wesen, lässt sich der Alltag regeln. Buddhas Lehre hingegen weist den Weg zu höchster menschlicher Vollkommenheit.
Die Road to Mandalay, unser Schiff, verkehrt seit sechs Jahren auf der südlichen Strecke des Irawady zwischen Mandalay und Bagan. Hier, im Umfeld der alten Königsstädte, präsentiert sich Birma am eindrucksvollsten als »Land der goldenen Pagoden« - eine Gegend von märchenhafter Schönheit.
Doch Bagan mit seinen 2500 Pagoden, von der Unesco als Welterbe der Menschheit eingestuft, steht erst am Ende unserer 13-tägigen Schiffsreise auf dem Programm. Zuvor werden wir ein ganz anderes Birma kennen lernen. Eines, das westlichen Touristen völlig unbekannt ist: Die Road to Mandalay macht sich auf den Weg nach Norden, auf die 380 Kilometer lange Strecke von Mandalay nach Bhamo, einem kleinen Städtchen an der chinesischen Grenze.
Weiße Navigationsballons in den Bäumen
Diese nördliche Route durch Birma - oder Myanmar, wie das Land von der herrschenden Junta im Rückgriff auf vorkoloniale Zeiten umbenannt wurde - ist nur während der Regenzeit befahrbar, weil das Schiff dann genügend Wasser unter dem Kiel hat. Es ist die Zeit des Südwestmonsuns, der so ergiebige Niederschläge mit sich führt, dass der Irawady über weite Strecken auf die Größe mittlerer Seen anschwillt.
- Datum 08.10.2007 - 06:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 19.04.2001 Nr. 17
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