Wiesehügel: Um es gleich mal deutlich zu machen: Ich habe überhaupt nichts gegen Zuwanderung. Wir würden uns auch keine Sorgen machen, würde es sich nur um Zuwanderung handeln. Das wissen wir: Wenn Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zuwandern, also Migranten, die dann hier Wohnungen nehmen und hier leben wollen, die werden gar nicht anders können, als zu den Bedingungen wie ihre Nachbarn dann auch zu arbeiten, wenn sie ihren Lebensunterhalt davon bezahlen müssen. Unser Problem sind die Pendler, die für einige Wochen, einige Monate hier arbeiten und dann wieder nach Hause fahren. Die sind bereit, zu Löhnen zu arbeiten, für die hier keiner arbeiten kann. Dann führt dies zu sogenannten Arbeitsplatzverdrängungen.

Durak: Die Zuwanderer, die Sie beschreiben, würden ja noch kommen. Die Pendler, die Sie beschreiben, haben wir schon. Was ist denn aber mit den neuen EU-Bürgern, die sozusagen an der Tür stehen?

Wiesehügel: Wir haben Pendler, aber wir würden dann noch erheblich mehr Pendler haben. Das ist die Situation, die ich befürchte. Nahezu unbegrenzt könnte jeder der 70 Millionen neuen EU-Bürger in die Bundesrepublik Deutschland kommen und mit den Unternehmen, die sie dann hier herüberbringen, hier zu Bedingungen arbeiten, wo das kein Arbeitnehmer in diesem Lande aushalten kann beziehungsweise sich und seine Kinder überhaupt ernähren und kleiden und wohnen kann. Das führt dann zu einer Situation, die riesen Arbeitslosigkeit bei uns produziert. Dann werden wir natürlich sagen, wer hat uns das eingebrockt, bekommen riesen Probleme. Ich plädiere dafür, die Probleme vorher zu lösen.

Durak: Das heißt Sie sind gegen die EU-Osterweiterung beziehungsweise für längere Wartefristen?

Wiesehügel: Nein, nein. Ich bin schon für die EU-Osterweiterung. Die brauchen wir dringend. Die brauchen wir schon für ein geeintes Europa. Die brauchen wir für einen dauerhaften Frieden in Europa. Das ist unumgänglich und ich glaube auch, dass wir wirtschaftlich gar nicht darum herum können, ein gemeinsames Europa einzurichten. Aber wir sind lange noch nicht so weit, dass diese EU-Osterweiterung sozial gestaltet wird. Die Kluft zwischen unseren östlichen Nachbarn ist riesen groß, so dass wir Anpassungszeiten brauchen, und dafür brauchen wir Fristen.

Durak: Das ist aber wie den Mund spitzen und doch nicht pfeifen, Herr Wiesehügel. Wie lange sollen denn die Osteuropäer warten, bis sie hier arbeiten dürfen?

Wiesehügel: Doch so lange wie die Südwesteuropäer auch gewartet haben. Was ist denn daran eigentlich so ungewöhnlich? Wir haben für Spanien und Portugal zehn Jahre Übergangsfristen damals ohne großes Trara gemacht. Das hat hervorragend geklappt. Die Integration hat geklappt. Am Ende dieses Zehn-Jahres-Prozesses, sogar früher als erwartet, waren Spanien und auch Portugal auf einem Niveau, wo man sich durchaus keine großen Sorgen machen brauchte. Ich erwarte, wenn die Gewerkschaftsstrukturen und die Tarifstruktur in einer gemeinsamen EU, sehr stark auch in Polen, in Tschechien und in Ungarn wirkt, dass wir dann nicht mehr diese gewaltige Differenz haben. Jetzt haben wir Stundenlöhne, in Polen 2,50 DM und in Westdeutschland 25 Mark. Können Sie sich vorstellen, wie denn noch irgend Jemand hier Arbeit haben kann und wie er sich noch erfolgreich am Arbeitsplatz verdingen will für einen Stundenlohn von 2,50 DM, zu dem jemand anderes bereit ist zu arbeiten.