E R I N N E R NDas Geisterhaus

Berlin-Marzahn, Marchwitzastraße 1-3. Hier wohnte DDR-Prominenz. Dann war es ein Tatort der Zigarettenmafia. Jetzt droht der Abriss, doch die letzten Mieter wollen bleiben von 

Brigitte Flade wohnt in einem Hochhaus im Osten Berlins, aus dessen rissiger Haut bereits die Steinchen bröseln, die ein Plattenbauwerker vor langer Zeit in den Beton gegossen hat. Das Gebäude ist schlammbraun, es hat dieselbe Farbe wie die aufgeweichten Wege in der Grünanlage vor der Tür. Die meisten Fenster sind nackt, ein Großteil der Wohnungen ist leer. Die Witwe, 46 Jahre alt, lebt mit ihrer Kartäuserkatze Berry allein auf der fünften Etage, wo eine einzige Neonröhre den fensterlosen Flur erhellt. Ein fauliger Geruch zieht vom Müllschlucker herüber. Trotzdem findet es Brigitte Flade hier "wunderschön". Für sie ist es ein Unglück, dass sie wegziehen soll aus Berlin-Marzahn.

Glück. Dieses Gefühl, vielleicht auch nur die Erinnerung daran, hat die schwarzhaarige Frau weggeschlossen und bewahrt in den drei engen Zimmern ihrer "Vollkomfortwohnung", in der sie seit mehr als 20 Jahren lebt: das dunkelbraune Sofa, beim Einzug gekauft; die Schrankwand, Modell Frankfurt/Oder, mit den großen Bullaugen, durch die man auf Krüge und bunte Trinkgläser schaut; die hölzernen Elfchen auf dem Fernseher, der röhrende Hirsch, handgeschnitzt, ein Hochzeitsgeschenk aus dem Erzgebirge - alles "so kostbar". Nur das Sofa und der Schrank kommen beim Auszug in den Müll.

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Für die Sanierung fehlt das Geld

Wenn sie in ein paar Wochen weggehen wird, lässt Brigitte Flade ein halbes Leben hinter sich: den Staat, in dem sie Polizistin war, ihren Mann, der vor ein paar Jahren gestorben ist, die Kinder, die hier groß geworden sind. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft, die das Haus verwaltet, hat jetzt entschieden, es abzureißen, denn sie hat nicht genug Geld, es zu sanieren. In diesem Zustand könne man niemandem zumuten, einzuziehen, sagt ein Sprecher. Alle Mieter sollen raus, in irgendeins der Hochhäuser, von denen es so viele gibt in der Trabantenstadt; jede zehnte Wohnung steht leer. Dann können die Bagger kommen. Es wäre der erste Plattenbau, der fällt in Berlin.

Die PDS-Politiker, die den Bezirk regieren, finden den Plan anstößig: Nur im äußersten Notfall, als "letzte aller Möglichkeiten", werde man den Abriss genehmigen, er wäre "politisch das falsche Signal". Der Wähler würde es nicht verstehen. Er fände es nicht sozial, Wohnungen zu vernichten. Der Wähler ist tatsächlich stolz auf die futuristische Stadtlandschaft Ostberlins, die ein paar Kilometer hinter dem Alexanderplatz beginnt. Nie würde er es fertig bringen, die Hochhaussiedlungen mit dem Blick des Westlers zu betrachten, der dort nur riesige Bauklötze sieht, von bösen Riesen hingewürfelt, damit man sich klein fühle, dazwischen womöglich nur Rechtsradikale. 140 000 Menschen leben im Bezirk, Menschen wie Brigitte Flade. Marzahn war ihr Lebenstraum.

Auch der Staat DDR hat hier geträumt, von mehr Wohnkomfort, neuer Architektur und der städtischen Moderne. 60 000 Wohnungen stellten Arbeiter ab Mitte der siebziger Jahre in den Märkischen Sand, vor allem lang gezogene Wohnschachteln mit fünf bis zehn Stockwerken und doppelt so hohe Türme. Wohnungen für parteitreue junge Eliten, Familien, Politprominenz. Die Flades, beide Polizisten, gehörten dazu. Brigitte Flade weiß noch genau, wann sie hier ankamen, "am 1. oder 2. Januar 1979". Es war ein ungewöhnlich strenger Winter. In der Altbauwohnung mit Ofenheizung, gleich an der Mauer, war es bitterkalt. Hier wurden ihre Räume zum ersten Mal wirklich warm.

Die Aufzüge rumpeln bedrohlich

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