Berlin

Stolz schwingt mit, wenn der PDS-Abgeordnete Uwe-Jens Rössel über seinen "besonderen Club" redet: "Dass man sich gleich duzt, fand ich am Anfang etwas merkwürdig. Ich kannte das ja von früher her, vom Ministerrat, wo man Genosse war." Auch seine Fraktionskollegin Barbara Höll aus Leipzig fühlt sich aufgewertet; sogar die CDU-Abgeordneten hätten ihre anfängliche Abwehr aufgegeben. Man schätzt einander in diesem inneren Zirkel der Bundesrepublik. "Was wir machen, ist in Zahlen gegossene Gesellschaftspolitik", und da sieht sich die promovierte DDR-Philosophin, das heißt: Gesellschaftswissenschaftlerin, auf sicherem Terrain. Der schnell sprechende PDSler Rössel wiederum stellt sich mit dem Satz vor: "Ich muss 227 Milliarden Mark verantworten."

Beide gehören einem besonderen Verein an, in dem es um Geld geht. Viel Geld. Die Mitglieder dieses Vereins gehören zu den unbekannten Mächtigen der Republik. Ihr mausgrauer Name: Berichterstatter.

Ein Berichterstatter ist Mitglied des Haushaltsausschusses, zuständig für den Haushalt eines bestimmten Ressorts. Zu jedem Einzelhaushalt gehören fünf Berichterstatter. Ihr Refrain: das Budgetrecht ist das vornehmste Recht des Parlaments. Aber ein Fallbeil ist es nicht. Nur etwa fünf Prozent des Bundeshaushaltes sind "umschichtbar", variabel für die politische Gestaltung. Der große Rest - Personalkosten, Zinsausgaben, gesetzliche Ausgaben - lässt sich kaum verändern. "Gleichwohl hat der Ausschuss", schreibt Heinrich Oberreuter (in dem kaum bekannten Buch Die Haushälter, 1990), "durch eine ganze Reihe von Genehmigungs- und Umschichtungsvorbehalten, besonders aber durch Sperrvermerke eine starke Stellung gegenüber der Bürokratie behauptet."

Jeder Berichterstatter genießt die Macht, einen Minister zum Canossagang zu zwingen. In der Demokratie heißt das: Liebesmahl unter Michelin-Sternen. Maliziös bemerkt der SPD-Abgeordnete Gunter Weißgerber aus Leipzig: "Wenn ein Minister überheblich ist, werden wir das bei den Spesen und Reisen schon nicht vergessen." Die klassische Szene skizzieren die CSU-Haushälter Klaus Rose und Kurt Faltlhauser in Oberreuters Buch: "Die Macht des Haushaltsausschusses mag besonders deutlich werden in den Nächten der sogenannten ,Bereinigungssitzungen', bei denen im Warteraum vor dem Haushaltsausschuss Dutzende von Ministern, Staatssekretären und Ministerialdirektoren - geduldig oder weniger geduldig - auf ihren Auftritt warten müssen."

Dieses Mandat zum Wartenlassen und zur jährlichen mündlichen Prüfung gibt dem Club der Berichterstatter eine besondere Aura. Im Haushaltsausschuss verbringt man auch mehr Zeit miteinander als in den Fachausschüssen. In den entscheidenden Herbstnächten tagt der Aeropag ohne seine Mitarbeiter und hat sogar das Privileg, sich während des Plenums treffen zu dürfen.

Die Tafelrunde der Haushälter ist die "Papierkneipe", die Registratur. Auf diese Sitzungen folgt der obligatorische Gang in die Weinkneipe. Solche Institutionalisierung einer persönlichen Nähe nährt jene Fiktion der Überparteilichkeit, die, so sagt es Oswald Metzger von den Grünen, "eine fast korporatistische Einmütigkeit" erzeugt. Das Duzen ist jedenfalls keine Nebensache. In Bonn galt für die Haushälter der Satz: "Wer innerhalb von drei Monaten nicht geduzt wird, ist untendurch."