Die Investmentbank Goldman Sachs lässt Besucher bereits am Eingang wissen, worum sich das Geschäft dreht. Auf den schwarzen Balken, die an der Wand im Foyer der Frankfurter Niederlassung hängen, steht in weißen Lettern ein Bekenntnis: "Serve and earn" - Diene und verdiene.

Beides sollte sich machen lassen beim Umbau der Deutschland AG. Einst bewahrte das Geflecht gegenseitiger Beteiligungen deutsche Firmen vor der Übernahme durch Konkurrenten, heute bricht es auf. Jüngstes Beispiel ist die Allianz-Versicherung, die die Dresdner Bank vollständig übernimmt und sich dafür von ihren Anteilen an der HypoVereinsbank trennt. Ein Riesengeschäft für die beteiligten Investmentbanken - UBS Warburg aufseiten der Allianz, Goldman Sachs aufseiten der Dresdner Bank. Wenn Zeitungen von den spektakulären Übernahmen berichten, hat die diskrete Branche ihr Honorar meist schon verdient - rund ein Prozent vom Wert des verkauften Unternehmens oder Konzernteils. Allein der Dresdner-Deal hatte einen Wert von 22,6 Milliarden Euro.

Im Frankfurter Messeturm sondiert Raimund W. Herden für Goldman Sachs die Geschäfte von morgen. "Managing Director, Head of M & A Germany" lautet sein Titel, und das klingt, als hätte er viel zu sagen. Hat er auch, schließlich verantwortet er die Abteilung, die für Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions) zuständig ist. Um die wichtigste Aufgabe einer Investmentbank kümmern sich bei Goldman Sachs in Deutschland 80 der 460 Mitarbeiter - die übrigen bringen junge Unternehmen an die Börse oder entwerfen Finanzprodukte wie Anleihen und Optionsscheine.

Dank der Steuerreform erwarten die - vor allem aus Amerika und England stammenden - Investmentbanken ein gutes Geschäft in Deutschland. Von Januar 2002 an können Unternehmen ihre Beteiligungen an anderen Unternehmen steuerfrei verkaufen. "Vor allem die Branchen mit hohen Fixkosten werden sich restrukturieren", sagt Raimund W. Herden. "Dazu gehören die Banken mit ihrem dichten Filialnetz, die Versorger und die Telekommunikationsunternehmen mit ihren Netzen."

Bis zum Januar wird es kaum noch spektakuläre Zusammenschlüsse wie den von Allianz und Dresdner geben. Die Zahl der angekündigten Geschäfte für das laufende Jahr sank um die Hälfte, deren Volumen sogar um 90 Prozent. Der einjährige Kurssturz an den Börsen verringerte den Wert vieler Unternehmen - und damit die möglichen Transaktionsvolumina. Doch wie immer, wenn es schlecht geht, glaubt die notorisch optimistische Branche an bessere Zeiten. "Der aktuelle Rückgang ist nur eine leichte Delle", formuliert Hartmuth A. Jung, Vorstandssprecher der UBS Warburg AG, der Investmenttochter der Schweizer Großbank UBS. Wegen des erwarteten Geschäfts hat das Haus die Zahl seiner Fusionsexperten in Deutschland innerhalb eines Jahres verdreifacht.

Die Branche richtet sich auf einen gnadenlosen Konkurrenzkampf ein. Gleichzeitig wächst der Anteil internationaler Fusionen, und die sind komplexer als diejenigen innerhalb eines Landes. Der Druck auf die Finanzberater steigt. "Bei schlechter Arbeit haben Kunden ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis", sagt Andreas Heine von der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch.

Entscheidend ist, wer die big points gewinnt, die Mandate für die großen Geschäfte. Allein die Übernahme der Dresdner Bank hatte einen Wert, der siebenmal so hoch war wie der aller bisherigen Transaktionen des ersten Vierteljahres zusammen. Das größte Marketingproblem der Investmentbanken: Sie müssen den Konzernchefs klarmachen, warum diese gerade mit ihnen zusammenarbeiten sollen - und nicht mit der Konkurrenz. "Neue Kunden zu gewinnen ist das Teuerste an unserem Geschäft", verrät ein Frankfurter Banker. "Normalerweise werden Geschäfte erst ab einer Transaktionssumme von 300 Millionen Euro interessant, aber bei größeren Unternehmen macht man schon mal Zugeständnisse." Im Klartext: Auch kleinere Deals - bei denen man unter Umständen draufzahlt - werden angenommen, weil man durch sie Einblick in interne Strukturen des Kunden bekommt. "Wenn man das Unternehmen erst mal genau kennt, kann man den Vorständen noch ganz andere Produkte verkaufen", sagt der Investmentbanker. Wer einem Unternehmen einmal geholfen hat, eine Anleihe auf den Markt zu bringen, kennt auch die Beteiligungen, die sich am ehesten für eine Abspaltung eignen.