Mein Sohn Adrian, acht, und ich machen Ferien in den Bergen. In Kärnten, auf dem Brandstätter Hof in Würmlach bei Kötschach-Mauthen. An der Holzbalustrade über dem Kuhstall hängt gelber Mais in langen Reihen zum Trocknen. Leika, der Leonberger Hirtenhund, liegt auf der steinernen Treppe vor der Eingangstür. Wie eh und je wohnen drei Generationen unter dem Dach des geräumigen alten Wohnhauses, in dem auch die Gäste Unterkunft finden. Sobald man eintritt, gehört man zur Großfamilie. Und das Beste - Sepp Brandstätters jüngster Sohn Josef ist gerade einmal ein Jahr älter als meiner. Die beiden verstehen sich sofort.

Sepp Brandstätter ist Bauer und Bergführer zugleich. Seine Alpinschule verspricht, die Gäste behutsam in die Natur einzuführen. Skikurse und Schneeschuhbauen stehen im Winter zur Auswahl, Schnupperklettern, mehrtägige Ausbildung auf Klettersteigen oder hochalpine Gipfeltouren in der warmen Jahreszeit.

Der Kletterkurs beginnt gleich vor der Haustür. Sepp hat an die Wände seiner Scheune schmale Felsstücke und Griffe bis zum Schwierigkeitsgrad fünf eingelassen. Ausgerüstet mit Helm, Gurt und Karabinerhaken, kraxelt Adrian fast zwei Stunden lang am Seil. Erst ängstlich und unsicher, dann immer geschickter und wagemutiger die senkrechten Scheunenwände hoch und runter, bis ihn endlich die Kräfte verlassen.

Um vier Uhr beginnt die tägliche Arbeit im Stall, fester Bestandteil des Ferienprogramms auf dem Hof. Die Kinder schaufeln Heu aus der obersten Etage der Scheune nach unten zu den Kühen.

Im Sommer übernachten österreichische Schulklassen in der Scheune. Sepp führt mit ihnen Projektwochen durch. Und verbindet dabei die Ausbildung im Klettern mit Friedenserziehung. Aus Kriegspfaden Friedenswege - vie della pace - zu machen, hat sich der grenzüberschreitende Verein der Dolomitenfreunde zum Ziel gesetzt und dabei das Motto gefunden: "Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden."

"Dort, wo unsere Großväter gegeneinander kämpften, arbeiten wir heute gemeinsam." Sepp Brandstätter hat diesen Anspruch konkret in die Tat umgesetzt. Als Bergführer begleitet er Wanderer auf dem Karnischen Höhenweg, immer einen Fuß in Italien, den anderen in Österreich.

Ein natürlicher Felsbogen vor einem mächtigen Wasserfall markiert den Eingang in die Mauthner Klamm. Im Fels hat Sepp mit Freunden den "Invalidensteig" angelegt. Der Klettergarten ist trotz des Namens ein für Kinder bestens geeignetes Übungsgelände. Für einen Durchgang braucht man nicht mehr als 20 Minuten.