Bevor ich mich in der vergangenen Woche nach Berlin aufmachte, um an einem Kongress der Friedrich-Ebert-Stiftung teilzunehmen, hörte ich mir Verdis Requiem an, dargeboten von einem Prager Chor. Der ursprünglich vorgesehene Dirigent hatte Angst, nach Israel zu kommen, und sagte wie zwei seiner Solisten den Auftritt ab. Es fand sich Ersatz, und der riesige Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Morgen desselben Tages war ein elf Monate altes Mädchen durch einen arabischen Scharfschützen tödlich verwundet worden. Der Vater des Mädchens gab im Fernsehen ein Interview und sagte, er werde hier bleiben, und in seinen Augen blitzte biblischer Fanatismus auf. Der Interviewer fragte, warum die Siedler ihre Kinder nicht in Sicherheit brächten. Der Vater erwiderte mit bitterem Lächeln, im Lande Israel werde niemand evakuiert. Man hielt ihm vor, während des Unabhängigkeitskrieges von 1948 seien sehr wohl Menschen evakuiert worden, doch er wirkte unbeeindruckt wie einer der antiken Propheten. Man konnte sich vorstellen, wie er auszieht, um im Namen des Herrn der Heerscharen Rache zu üben. Im Radio hieß es, Israel erwidere das Feuer. Am nächsten Morgen sagten sie in den Nachrichten, die Terroristen hätten am gestrigen Abend Rache für das erwiderte Feuer genommen. Nun, so hieß es, werde man erneut reagieren.

Radikale Rabbiner rufen im Namen des Judentums, das niemals Rache oder Gewaltanwendung gekannt und das Leben stets der Herrschaft über ein Land vorgezogen hat, dazu auf, den Feind zu schlagen. Muslimische Extremisten schwören, Dutzende von Selbstmordattentätern in jeden Winkel Israels zu entsenden, was sie in der Tat ständig versuchen. Noch haben die Sicherheitsorgane die meisten Attentatsversuche vereitelt, doch nicht alle und nicht immer.

Ich zog los, eine Winterjacke zu kaufen, denn trotz des warmen Frühlingswetters wurde mir gesagt, in Berlin sei es kalt. In einem kleinen Laden fand ich eine letzte, aus der Winterkollektion noch übrig gebliebene Jacke. Neben dem Geschäft im Dizengov-Center in Tel Aviv standen Tausende von Israelis Schlange, weil Ikea seine erste Filiale im Land eröffnet hatte und alle schwedische Betten und Stühle kaufen wollten. Unterdessen erfuhr man, dass noch ein Soldat getötet worden sei. Vier junge Palästinenser wurden verwundet, einer von ihnen tödlich. Wie in den gesamten letzten sechs Monaten - nein, um die Wahrheit zu sagen -, wie während der gesamten siebzig Jahre, die ich hier lebe, und auch in den zehn Jahren vor meiner Geburt, als meine Mutter sich als junges Mädchen um Dutzende getöteter Juden kümmerte, die mit abgerissenen Gliedmaßen und geschändet im Hof des Gymnasiums Herzliya lagen, haben wie immer alle das Recht auf ihrer Seite, schießen zurück, erwidern nur das Feuer oder üben Vergeltung. Die Araber schießen auf Fahrzeuge von Zivilisten, und die israelische Armee sprengt Häuser in die Luft. Doch dessen ungeachtet ist in Netanja ein Bus von einem Selbstmörder in die Luft gejagt worden, hat ein weiterer Bus, gesteuert von einem Araber, den es nach Rache verlangte, sechs junge Israelis getötet, die an einer Bushaltestelle standen. Ein arabisches Mädchen wurde getötet, und nach seiner Beisetzung kam es zu einem Ausbruch von Hassparolen, Steinwürfen und Schüssen. Ein ein israelischer Soldat wurde schwer verletzt, ein Palästinenser getötet und eine Israelin, die mit ihrem Wagen nach Hause unterwegs war, tödlich verwundet.

Das ganze Leben lebt man mit dem Schwert in der Hand

Und im Kibbuz Nachal-Oz, nicht weit vom Gaza-Streifen, in einem Landstrich, der seit dem Tag der Staatsgründung immer israelisches Staatsgebiet gewesen ist, schlug ein Wasserreservoir leck. Ein Wasserreservoir ist in der Negevwüste ungefähr so viel wert wie andernorts ein Meer von Öl. Zumal in diesem Jahr, da es so gut wie keinen Winter gegeben hat und der Wassermangel akuter denn je ist. Die Bewohner des Kibbuz, die am Tag zuvor zum ersten Mal seit 1948 Mörsergranaten, die vom Gaza-Streifen aus abgefeuert wurden, abbekommen hatten, flüchteten sich auf die Dächer, bis das Wasser versickert und ein Rinnsal sich in Richtung der Gewächshäuser im Gaza-Streifen ergossen hatte.

Dies hielt Jassir Arafat aber nicht davon ab, auf der Konferenz der arabischen Außenminister in Amman zu tönen, Israel setze jetzt auch Wasser im Kampf gegen die Palästinenser ein, was so klingt, als heirate man Marilyn Monroe, weil sie kochen kann. Bei derselben Gelegenheit behauptete Arafat außerdem, Israel mache von abgereicherter Uran-Munition Gebrauch. Also bitte! Würde Israel schwach radioaktives Uran einsetzen, wäre überhaupt nicht genug Platz, die Tausende von Toten zu begraben. Und so geht es Tag für Tag, Lüge und Vergeltung, Hass und Retourkutsche. Wer ist man also? Wer bin ich? Ein Israeli. Und was ist ein Israeli? Das ganze Leben und dazu das Leben der eigenen Kinder lebt man mit dem Schwert in der Hand. Wurde Israel nicht geboren, um nach zweitausend Jahren der erste sichere Ort für Juden zu sein? Nicht wie Nürnberg oder York oder Warschau.

In Berlin ging alles ohne eine einzige Kugel oder auch nur ein mit Sprengstoff voll gepacktes Auto über die Bühne, einmal abgesehen von der Glasplatte, die Ullmann auf dem Platz vor der Humboldt-Universität in den Boden einsetzen ließ und durch die man die Regale der Bücher, die bei "jenem" Mal verbrannt wurden, sieht. Außerdem war es wirklich sehr kalt. Symposien wurden abgehalten. All die Schüsse und das Blut, das wir zurückgelassen hatten, gerieten zu Worten. Es sprachen Araber, es sprachen Juden. Auch Deutsche sprachen. Alles in allem eine große Zurschaustellung der arabisch-jüdischen Wunde vor den Deutschen, die sich an dem Gedanken ergötzten, dass auch die Israelis - wie einige der anwesenden Israelis selbst ausführten - ein bisschen wie Nazis seien. Ich hielt eine Rede über die Lage. Oder richtiger, die Lage hielt eine Rede durch mich. Unter den Gästen aus Israel ragte der arabische Knesset-Abgeordnete Achmed Tibi hervor. Von Hause aus Gynäkologe, hatte Tibi lange Zeit als politischer Berater Arafats fungiert, bevor er in die Knesset gewählt wurde. Immer war er mir gnomenhaft, böse und zynisch erschienen. In Berlin nun entdeckte ich, dass er Größe besitzt und über ein bezauberndes Lächeln verfügt. Dass er liebenswürdig und klug ist. In der Lobby des Hotels erfuhr er über Handy durch einen Bekannten, dass zwei israelische Jugendliche sich verlaufen hatten, bei Ramallah gekidnappt worden waren und nun den Tod vor Augen hatten. Tibi rief irgendjemanden vom palästinensischen Sicherheitsdienst an, der offenbar Bedenken hatte, worauf Tibi Arafat anrief und dann noch mit ein paar anderen verhandelte. Dabei stand er die ganze Zeit über in der Lobby des Hotels mit uns zusammen. Ich weiß nicht, mit wem er noch, außer mit Arafat, sprach, aber schließlich setzte Tibi ein Lächeln auf, rief einen israelischen Verbindungsmann an und sagte, Arafat habe zugestimmt, die beiden Jugendlichen seien außer Gefahr und bereits der israelischen Polizei übergeben worden. Ich sagte zu ihm, ich wolle ihm danken, worauf er lachte und sagte, was er immer sagt, wenn man mit ihm redet: Und was habe ich davon? Aber er strahlte etwas aus, das vielleicht Glück war und vielleicht ein Hoffnungsschimmer, dass nicht alles schwarz ist. Denn davon abgesehen ist alles rabenschwarz. Sechshundert Menschen sind in diesem Jahr bei Verkehrsunfällen bereits zu Tode gekommen. Die Israelis setzen sich nicht hinters Steuer, um nach Hause zu kommen und dort die eigene Frau umzubringen. Sie bringen unterwegs jemanden um, bauen Aggressionen ab, damit sie nach Hause kommen und nett zu ihren Frauen sein können. Sechshundert Verkehrstote sind, wenn es hoch kommt, ein paar Zeilen in der Zeitung wert, ein verwundeter Soldat oder ein getöteter Palästinenser vier ganze Seiten. Die Verhältnismäßigkeit ist schon lange auf der Strecke geblieben. Der Tod ist ein und derselbe, die Trauer der Eltern dieselbe, der Verlust der eigenen Kinder gleich schmerzhaft. Und dennoch!