Als ihre geschiedene Mutter eine Affäre mit dem Lehrer beginnt, notiert Polleke trocken: Das ist ja wohl abartig. Ansonsten verfasst sie hauptsächlich Lyrik. Damit eifert sie Spiek nach, ihrem leiblichen Vater. Wie der, so will auch Polleke Dichterin werden, wobei sie vermutlich sogar die größeren Chancen hat. Denn Papa ist der geborene Verlierer, immer mit Drogen zugedröhnt, immer irgendwo unterwegs, stets nur ein falsches Versprechen entfernt. Lebenswirklichkeit, die anderswo ganze Bücher füllen würde, findet in Guus Kuijers neuem Werk wie beiläufig statt. Muss sie auch, wenn Kinder auf dem Pausenhof lakonisch die Möglichkeit erörtern, vielleicht in einem Reagenzglas gezeugt worden zu sein. Oder wenn sie, wie Polleke und Mimun, einander nicht lieben dürfen wegen irgendwelcher seltsamen religiösen und ethnischen Zugehörigkeiten.

Erfreulicherweise neigt Polleke nicht zur Schwermut. Im Gegenteil, die Kleine ist so witzig, dass es kracht. Allerdings wäre es eine Studie wert, zu ergründen, ob Kinder sich bei der Lektüre dieses Buches ebenso scheckig lachen wie erwachsene Leser. Denn Pollekes Abenteuer sind von trügerischer Witzigkeit; man muss schon sehr gut aufpassen, um die dahinter giftig schillernde Verzweiflung der dichtenden Heldin nicht zu übersehen. Tatsächlich kriegt Polleke, wenn es ihr zu viel wird mit der Welt, das große Wummern. Dann erhalten ihre wiederholten Versicherungen, ihr Herz mache das alles nicht mehr lange mit, einen nachhaltig bedrohlichen Unterton.

Ständig hält Guus Kuijer diesen existenziellen Schwebezustand seiner kleinen Heldin aufrecht. Sein großartiges Kinderbuch erzählt dabei auch von der Macht der Worte. Oder von den sich einstellenden Verstörungen, wenn passende Worte fehlen, zumal den Erwachsenen. Längst nämlich sind die Rollen ironisch verkehrt: Pollekes Mutter kriecht nachts zur Tochter ins Bett, um sich wegen ihrer himmelhoch türmenden Schuldgefühle auszuheulen. Spiek muss wegen Rauschgifthandels bei der Polizei rausgepaukt werden. Und von Walter, dem ihr zunehmend sympathischer werdenden Lehrer, bekommt Polleke heimlich Zettelchen zugesteckt wie von einem Mitschüler.

Trost vor den Großstadtneurotikern bietet nur die Flucht aus der Stadt. Von Zeit zu Zeit rettet sich Polleke daher zu einer Kuh auf der Wiese, draußen bei den Großeltern: das offene Land, seine Leute und deren bodenständige Werte als Möglichkeit zur Besinnung. Daheim hingegen kehrt Spiek aus der großen weiten Welt zurück, doch statt der versprochenen tausend Gedichte bringt er nur eine neue Freundin mit. Die ist heroinabhängig, und das reicht, findet Polleke. Zu ihrer ersten erwachsenen Entscheidung gezwungen, verabschiedet sie sich leise von ihrem Vater, mit ihrem vielleicht schönsten Gedicht.

Beruhigend, dass nach so viel Frust am Ende dann doch die Liebe siegt. Er habe es echt versucht, nicht mit Polleke zu gehen, erklärt verzweifelt Mimun, doch nun kann er nicht mehr anders. Vom Leser unbemerkt, hat da ein weiteres Kind seinen ersten großen Kampf gegen die Familie gefochten und gewonnen. Hand in Hand fahren die beiden im Bus raus aus der Stadt. "Für immer zusammen, amen", beschließt Polleke ihre Erzählung. Und jetzt, als wir uns an den Betrug der Welt an dieser alten Kindersehnsucht erinnern, vergeht uns Erwachsenen das Lachen.

Guus Kuijer:Wir alle für immer zusammen Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister; Verlag F. Oetinger, Hamburg 2001; 96 S., 18,80 DM (ab 10 Jahren)

LUCHS 171 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 19. April, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2-Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de