Shakespeare war nicht nur der Experte für alles, was spitz ist und tötet. In seinen Werken handelte der große Dichter, akribisch wie ein Neurologe, auch den Katalog der Schlafstörungen ab. Macbeth schlich nach dem Meuchelmord an seinem König, müde und von Schuld geplagt, durch die Gänge - Diagnose Insomnie -, Falstaff ließ die Körperfülle immer wieder einnicken - ein Fall von Schlafapnoe -, und Richard III. suchten nächtens schlimme Albträume heim. Tragisch.

Aufschlussreich sind aber auch die Nachtaktivitäten der Lady Macbeth. Zofen berichten, dass sich die edle Dame nachts anzog, Briefe schrieb und sich wieder ins Bett legte. Wie schlafend habe sie dabei gewirkt. Ein klassischer Fall von Schlafwandeln, im Fachjargon Somnambulismus.

Unter Kindern kommt dieser Zustand einer koordinierten Bewegung, entkoppelt vom Bewusstsein, häufiger vor - und wird allgemein als unbedenklich angesehen. Bei schlafwandelnden Erwachsenen finden sich hingegen häufiger psychische Auffälligkeiten. Die Betroffenen sind manchmal auch tagsüber etwas anders als andere. Manche Somnambule leiden unter Neurosen, Panikattacken und Phobien, sind eher pessimistisch und hegen Suizidgedanken.

Was die seltsamen Ausflüge auslöst, ist ungewiss. Auf jeden Fall scheinen es nicht halb bewusst gelebte Träume zu sein. Die Untersuchungen der Hirnaktivitäten bei Schlafwandlern belegen aber, dass Hirnbereiche aktiv sind, die unter anderem in der Verarbeitung von Emotionen eine Rolle spielen.

Nun aber ist ein möglicher weiterer Grund für Somnambulismus entlarvt: Medikamente. Wie das arznei-telegramm gerade berichtet, sind neben Antidepressiva und Schlafmitteln auch Antibiotika wie Ciprofloxacin verdächtig.

Vielleicht hatte der 17-jährige Franzose, der im vergangenen Jahr seinen Bruder schlafwandelnd erstach, das Verbrechen nur deshalb begangen, weil er gerade eine Mittelohrentzündung therapierte. Stoff für neue shakespearesche Verwicklungen.