Die Zeit, 19.04.2001

Internationales Debattenfeuilleton heute in der Zeit.

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk stimmt einen Klagegesang von geradezu alttestamentlicher Wucht über die Lage in seiner Heimat an und kommt in einer interessanten Passage noch mal auf den todtraurigen Fall des Ehud Barak zurück: "Die aus einem jahrelangen Traum frustriert erwachte Linke trat Barak ins Knie, weil der nun mal verfügbar war. Arafat, der alles tat, damit Scharon gewählt wurde, hat allem Anschein nach keine Lust, ein kleines Land mit Steuern, Wassersorgen und Abwasserproblemen zu führen und zieht es vor, ein großer Freiheitskämpfer wie Saladin zu bleiben. Und die israelischen Araber, die zu Recht empört waren über eine Regierung, deren Polizeikräfte dreizehn demonstrierende Staatsbürger arabischer Herkunft einfach über den Haufen schossen, rächten sich an Barak, womit sie sich selbst eine riesige Kugel ins Bein jagten."

Umberto Eco erklärt in einem Artikel, den die Zeit aus der Repubblica übernimmt (was sie nicht dazusagt), warum Silvio Berlusconis Wahlkampf so effizient ist: Nicht nur weil man sich nach neuesten Erkenntnissen der Reklame mit einfachen Slogans begnügt, sondern auch weil man Techniken der Kommunisten und der 68er übernimmt: "Vom Modell der 68er-Bewegung finden sich viele Elemente in Berlusconis Parteienbündnis. Erstens die Identifikation eines Feindes, der viel subtiler und weniger sichtbar als die Vereinigten Staaten ist, wie die multinationalen Konzerne oder die Trikontinentale und die Anprangerung ihres permanenten Komplotts. Zweitens die Methode, dem Gegner nie etwas zu konzedieren, ihn unentwegt zu dämonisieren, was immer er auch vorschlagen mag, und folglich die Verweigerung des Dialogs und der Konfrontation (auch Verweigerung jedes Interviews mit Journalisten, die ja ihrem Wesen nach Knechte der Macht sind)." Wir empfehlen in diesem Zusammenhang auch unsere Post aus Neapel (perlentaucher.de) von Gabriella Vitiello, die weitere Links zum Thema gibt.

Aufmacher des Literaturteils ist Helga Hirschs Interview mit Jan Tomas Gross, dessen (bisher nur auf englisch vorliegendes) Buch "Neighbours" die Debatte um das polnische Massaker an den Juden in Jedwabne auslöste. Gross bleibt bei seinem Standpunkt, dass die Polen, nicht die Deutschen die Hauptverantwortlichen des Verbrechens sind: "Für mich ist nach wie vor klar, dass sich an jenem fraglichen 10. Juli keine größere Anzahl von Deutschen in dem Ort aufgehalten hat. Dafür, dass 232 Soldaten einer Spezialeinheit angereist sein sollen, kann Staatsanwalt Waldemar Monkiewicz, der sich Ende der sechziger Jahre mit dem Fall befasste, keinerlei Belege vorlegen. Mehrere Zeugen erwähnen hingegen einen Personenwagen, in dem höchstens fünf Personen gewesen sein können. Das halte ich für wahrscheinlich."

Weitere Artikel: Jens Jessen kommentiert in der Leitkolumne den Fund der Gestapo-Akten von Wien. Renate Klett porträtiert den Künstler Hans-Peter Litscher, der falsche, aber stets sehr wahrscheinlich klingende Biografien erfindet. Thomas Groß macht in einer Besprechung von Nick Caves neuer Platte auf "Gefahren der Überästhetisierung" aufmerksam. Besprochen werden überdies die Filme "Beau Travail" und "You Can Count on Me".

Hinzuweisen ist außerdem auf eine Polemik des Politologen Wilhelm Hennis zur Feigheit der Staatsanwaltschaft in der CDU-Parteispendenaffäre und auf Thomas Fischermanns Dossier, das von Internetunternehmern im rechtsfreien Raum handelt – denn immer mehr Spielcasinos und andere dunkle Betriebe haben ihre Rechner auf Karibikinseln stehen und sparen Steuern und Rechtstreitigkeiten.