Als die Geburtenraten hartnäckig sanken, wurde es dem schwedischen Zukunftsminister, der passenderweise Carlsson hieß, eines Tages ungemütlich. Also legte er den Weisen des Landes eine Frage zur Beantwortung vor: Warum nur bekommen die Leute keine Kinder mehr? Das trug sich Anfang der achtziger Jahre zu, als manche zu begreifen begannen, dass Konrad Adenauers Auffassung, Kinder bekämen die Leute sowieso, ein Irrtum war. Carlsson war selbst weise genug, zu den Experten eine Frau zu zählen, die als Neunzehnjährige ein uneheliches Kind geboren hatte. Sie hatte es in eine Pflegefamilie fortgeben müssen, um ihr Geld verdienen zu können. Astrid Lindgren ihr Name, das ist vielleicht der einzige in Europa, der jedem geläufig ist.

Schon als die Krachmacherstraße, Karlsson und die Kinder aus Bullerbü in den fünfziger Jahren erschienen, fehlte den Schweden der Nachwuchs, Lindgrens Bücher aber sind von Kindern bevölkert: Drei Geschwister sind es in der Krachmacherstraße, in Bullerbü wohnen sieben Kinder auf den benachbarten kleinen Höfen, Karlssons Freund Lillebror ist der Kleinste von dreien, Pippis Nachbarn Thomas und Annika sind zu zweit, auch Michel aus Lönneberga hat eine Schwester. Und der Kosmos, den sie miteinander bilden, ist einer, in dem Kinder nicht verhaltensauffällig, sondern durchschnittlich nervenaufreibend sind.

Die große Dame nun antwortete dem Minister auf seine Frage knapp, "dass Menschen keine Kinder haben möchten, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, mit ihren Kindern zusammen zu sein". Zeit für ihre Kinder also, die müsse der Staat den Eltern gewähren. Während heute die schwedische Regierung eine Kommission einsetzt, die gegen den kinderfeindlichen Stress von Erwachsenen antreten soll, lesen wir in jeder freien Minute Lindgrens Bücher, als seien Kinder ganz unverändert der Normalfall und nicht Gegenstand politischer Sonderanstrengungen. Und die Kinder sind gierig nach diesen Büchern, als hätten sie einen utopischen Sinn für den literarischen Gegenentwurf zur kinderarmen Welt, den Lindgrens Werk bedeutet.

"Was habe ich für viele Kinder", lacht Lottas Vater, und "noch mal!" lautet beim Vorlesen das Echo der Dreijährigen. Vorlesende Eltern, die eben noch meinten, nie wäre ihre kleine Wohnung aufgeräumt genug, um sie für Kinderlose zu öffnen, genießen die Fiktion, in einer Welt von Eltern zu leben. Dann wird es allerhöchste Zeit, die Aktentasche zu packen. Lotta aus der Krachmacherstraße aber, ihren Schweinsbären im Arm, sieht dich an und sagt: "Du musst dein Leben ändern."