Wie soll man es nennen, was er macht - Aufführung, Ausstellung, Performance? Das alles trifft es nicht richtig und ist doch nicht falsch. Hans-Peter Litscher ist ein Erfinder. Er findet Lebensläufe, die er so umfassend und überzeugend dokumentiert, dass man nie sicher ist, ob sie nun echt sind oder nicht. Alles könnte so gewesen sein, muss aber nicht. Seine Geschichten sind die Fortsetzung der Realität mit anderen Mitteln, wie bei Münchhausen.

Seine Kunst besteht in der richtigen Mischung von Dichtung und Wahrheit. Man nehme Weltgeschichte und Lokalkolorit, ein bizarres Schicksal vor gewöhnlichem Hintergrund, Hobbys und Ticks, Katastrophen und Zeitgeist, verfeinere das Ganze mit einem Spritzer Irrsinn, mixe alles gut durch, schlage es schaumig und serviere eiskalt - so einfach ist das und so kompliziert.

"Es sind die Dinge, die mir Geschichten erzählen", sagt der Lügenbaron, der für seine Kuriositätensammlung Auktionen und Antiquariate in halb Europa durchstreift: vergilbte Familienfotos, alte Theaterzettel und Speisekarten, Einladungen zu Vorträgen, Vernissagen, Versammlungen oder - besonders ergiebig - Fotos von Prominenten mit jemandem zur Seite, der/die nicht genau erkennbar ist.

"Je ne suis que superficiellement superficiel", zitiert er Sasha Guitry und bezieht das auf seine Ausstellungen. Die finden in Museen, Theatern, am liebsten an Originalschauplätzen statt; die Führungen in kleinen Gruppen, nicht mehr als ein Dutzend Interessierte, übernimmt der Meister selbst. Ihm zuzuhören, wenn er Leben erklärt, verklärt, von Fundstück zu Fundstück eilend eine Biografie herbeizaubert, ist so vergnüglich, dass selbst grämliche Kritiker ins Schmunzeln geraten und arglose Zeitgenossen ins Grübeln. So beobachtet bei seinem jüngsten Streich in Hamburg: Die Tausend Tode der Maria Magdalena Brettschneider - eine Schauspielhausdurchsuchung. Vom Foyer durch Garderoben und Logen, von der Unterbühne bis unters Dach verfolgt man die Spuren der Aushilfsstatistin und -garderobiere, des guten Theatergeists Brettschneider, die ihr Leben dem Deutschen Schauspielhaus verschrieb, mit Eva Mattes und André Jung befreundet war, alle Vorstellungen auswendig kannte und sich im Theater sogar eine kleine Wohnung einrichtete. Vor allem aber sammelte sie Bühnentode, über die sie fein säuberlich Buch führte, jedes Corpus Delicti mit einem Nummernschild versehend.

Die vielerlei Tode lassen eine veritable, beseelte Theatergeschichte entstehen, die von Gründgens' Wallenstein-Bart über Wildgrubers Othello-Mordbett bis zu Ueli Jäggis nie verwendeter Wilhelm-Tell-Armbrust reicht. Heidi Göbel, seit über 30 Jahren am Schauspielhaus engagiert, berichtet als Augenzeugin von Brettschneiders segensreichem Wirken (immer hielt sie ein Tässchen Lindenblütentee gegen Lampenfieber bereit) und ihrem sanften Entschlafen in der Gründgens-Loge nach der letzten Vorstellung von Christoph Marthalers Stunde Null.

Der Schluss ist gespenstisch: Auf einem wackeligen Podest unter der Kuppel des Theaters stehend, lauscht man einer Toncollage der berühmtesten Bühnentode des Schauspielhauses. Wie Geisterstimmen steigen Todesschreie und letzte Worte von der Bühne auf, überall röchelt, knistert, flüstert es. Die Theatermagie, in Hamburg und anderswo bitter vermisst - plötzlich ist sie ganz nah.

Hans-Peter Litscher hat die Simulation zur Kunst erhoben und die Fantasie zum Beweis, seine Geschichten sind gründlich recherchiert, farbecht und wasserdicht. Und wenn ein Zuschauer ihn unterbricht - so geschehen in Hannover - und triumphierend erklärt, dass er beim Einwohnermeldeamt Peine nachgefragt habe und da gebe es 1907 keine Geburt einer Laura Wolff, dann lässt sich einer wie Litscher noch lange nicht aus der Fassung bringen.