Ob FAZ-Fans künftig zur Süddeutschen greifen? Und ob eingefleischte SZ-Leser bald mit der FAZ fremdgehen? Die Frage stellt sich doppelt - zum einen, weil sich nach der Welt wohl bald auch die FAZ im Bayerischen ausbreiten wird. Dann darf natürlich heftig spekuliert werden, wann die Münchner zum Gegenschlag ausholen, tapfer den Weißwurstäquator überqueren und ihr Blatt statt mit einer Berlin-Seite mit einem regelrechten Berliner oder Frankfurter Lokalteil ausstatten werden.

Zum anderen verändern aber auch die wechselseitigen Abwerbemanöver der drei führenden deutschen Qualitätstageszeitungen allerorts die Redaktionskultur. Im Idealfall trägt das zur Blutauffrischung bei, aber möglicherweise führt es auch graduell zur Austauschbarkeit. Wir kennen das aus anderen Branchen: Je heftiger der Wettbewerb tobt, desto stärker der Wunsch, unverwechselbar zu werden; desto wahrscheinlicher aber auch, dass die Produkte der Branchenführer einander immer ähnlicher werden, weil man sich die guten Ideen klaut. Benchmarking heißt das in der Industrie - ein Begriff, der nun auch zum Jargon der Blattmacher gehört.

Der Starkult hat die Printmedien ereilt. Wer früher einmal FAZ- oder SZ-Redakteur war, blieb das meist lebenslänglich. Ein geachteter gesellschaftlicher Status war ihm sicher, das Gehalt war kärglich, reich wurden allenfalls die Verleger und deren Erbsenzähler zumindest wohlhabend. Inzwischen wird das innerredaktionelle Gefälle immer größer. Hier die mobilen Überflieger, die von Redaktion zu Redaktion wechseln und sich mit dem Namen, den sie sich in der "Aufmerksamkeitsökonomie" einer kommerzialisierten Mediengesellschaft gemacht haben, die Nase vergolden; dort das Bodenpersonal, bei dem wegrationalisiert und "outgesourct" wird.

Gnadenloser als bei den großen Qualitätsblättern ist dieser Schrumpfprozess bei vielen Regionalzeitungen im Gange. Statt fester, teurer Redakteursstellen werden immer mehr freie Mitarbeiter engagiert; inzwischen werden oftmals ganze Zeitungsteile außerhalb der Redaktion in Auftragsarbeit produziert. Würden die "Freien" anständig honoriert, könnte das sogar eine Chance sein, die publizistische Qualität zu steigern: Im Zweifelsfall wissen und können fünf qualifizierte Journalisten, die auf ein Gebiet spezialisiert sind und regelmäßig mehreren Redaktionen zuliefern, eben mehr als ein Allrounder, der exklusiv für seine Redaktion arbeitet. Meist wird das Outsourcing jedoch nur zur Kosteneinsparung genutzt.

Spielen die Verlage das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel noch ein paar Runden weiter, wird es immer mehr Häuptlinge und immer weniger Indianer geben. Unten wächst der Produktionsdruck, oben blockieren sich die Aufsteiger gegenseitig. Den Rekord hält bisher der Berliner Tagesspiegel. Bevor Giovanni di Lorenzo zum Allein-Chefredakteur bestellt wurde, war der Redaktion eine kräftige Schrumpfkur verordnet worden, die Auflage stagnierte bei 130 000 - dennoch leistete man sich zeitweise vier Promi-Herausgeber und drei Chefredakteure.

Der Autor ist Professor für Publizistik an der Freien Universität Berlin