Die ZEIT im Internet erreichen Sie, indem Sie in das Adressfenster Ihres Browsers einfach eingeben. Wie bitte? Unangenehme Überraschungen dieser Art würden heute zum Surfer-Alltag gehören, wäre das Internet vor 20 Jahren nicht in den USA, sondern in China erfunden worden. Weil das nicht so ist, fehlen dem deutschen User heute bloß die Umlaute und das ß in den Internet-Adressen.

In Deutschland haben wir uns über Jahrzehnte daran gewöhnt, Umlaute in Telegrammen und auf ausländischen Tastaturen als ae, oe und ue zu schreiben. Ein Chinese, der die Zeitung der Kommunistischen Partei seines Landes im Internet lesen will, musste mit www.peopledaily.com.cn bisher allerdings eine Adresse eintragen, die nicht nur einer Fremdsprache entstammt, sondern auch noch einen völlig anderen Zeichensatz verwendet.

Vor allem deshalb werden chinesische Computer bisher mit US-Tastaturen verkauft. Für die Eingabe der chinesischen Zeichen wären eigentlich nur ein paar der 26 Buchstabentasten erforderlich. Wer chinesisch tippt, teilt dem Computer mit, wie viele senkrechte, waagerechte und diagonale Striche das gewünschte Zeichen hat. Dann erscheint auf dem Bildschirm ein Fenster mit allen Zeichen, die das Kriterium erfüllen. Daraus wählt man sich per Tastendruck das passende aus. Mit etwas Übung ist damit die gleiche Schreibgeschwindigkeit wie bei englischen oder deutschen Texten zu erreichen.

"Chinesen sollen selbst über die chinesischen Internet-Adressen bestimmen." Unter diesem Motto ihres Vorsitzenden Mao Wei begann die chinesische Internet-Behörde CNNIC Ende des vergangenen Jahres mit der Registrierung rein chinesischer Domain-Namen,wie die Internet-Adressen in der Fachsprache heißen. Auf diesen Schritt hatte die Internet-Gemeinde schon lange gewartet. 60 000 Registrierungen gingen in den ersten Stunden ein, nach zwei Tagen waren es 450 000. Inzwischen hat die CNNIC über eine Million chinesischer Adressen vergeben. Sie enden entweder mit dem Kürzel .cn oder mit        , dem chinesischen Zeichen für China. Seit Mitte Februar können diese Adressen tatsächlich benutzt werden.

Damit der Browser die chinesischen Zeichen im Adressfeld akzeptiert und den Surfer an die richtige Stelle führt, muss zunächst allerdings ein Programm installiert werden, das die CNNIC kostenlos zur Verfügung stellt. Technisch werden die chinesischen Zeichen nämlich weiterhin - für den Nutzer unsichtbar - in Buchstaben des lateinischen Alphabets übersetzt. Denn nur dessen 26 Zeichen von A bis Z zusammen mit den arabischen Ziffern 0 bis 9 werden von den internationalen Internet-Verteilerstationen verstanden.

Für die Umschrift chinesischer Zeichen in lateinische Buchstaben gibt es allerdings kein international standardisiertes Verfahren. Und deshalb geht jetzt die Angst vor einer "Balkanisierung" des Netzes um. "Damit das Internet global funktioniert, braucht man einheitliche Standards", sagt Peter Koch, Informatiker an der Universität Bielefeld und seit acht Jahren deutsches Mitglied der Internet Engineering Task Force (IETF), die bisher einen Großteil der technischen Regeln im Internet festgelegt hat.

Schon seit einigen Jahren bemüht sich die IETF um die Normung eines Verfahrens für die Integration nicht lateinischer Zeichen ins Internet. In greifbare Nähe ist das Ziel eines "globalen Codes" dabei jedoch noch nicht gerückt. Schließlich warten nicht nur 22 Millionen chinesischer Internet-Nutzer auf die Berücksichtigung ihrer Sprache, sondern auch Millionen japanischer, koreanischer, thailändischer, indischer, russischer und arabischer Surfer, um nur die größten bisher ausgeschlossenen Sprachgruppen zu nennen.