Die Europäische Zentralbank hält sich strikt an den Maastricht-Vertrag: Es ist ihre vorrangige Aufgabe, für stabile Preise zu sorgen. Nach den Maßstäben der Zentralbank gelten die Preise dann als stabil, wenn die Inflationsrate in den zwölf Euro-Ländern auf mittlere Sicht zwei Prozent im Jahr nicht übersteigt.

Doch würden niedrigere Zinsen der Zentralbank die Preisstabilität gefährden? In sechs Schritten erhöhte die EZB seit November 1999 den Leitzins auf derzeit 4,75 Prozent, immer mit der Erklärung, sie bekämpfe damit Inflationsgefahren. Inzwischen begründet EZB-Präsident Wim Duisenberg den Widerstand der Zentralbank gegen Zinssenkungen mit dem Argument, dass die Risiken für die Preisstabilität zwar vermindert, aber nicht völlig ausgeräumt seien.

In der Euro-Zone sind keine ernsthaften Inflationsgefahren zu erkennen. Zwar liegt der Anstieg der Verbraucherpreise im Durchschnitt der Euro-Länder noch oberhalb der Zwei-Prozent-Marke. Aber das hat vorübergehende Gründe: Rohöl wurde teurer, der Euro verlor am Devisenmarkt, und als Folge der europaweiten Tierseuchen verteuerten sich einige Nahrungsmittel.

Die Kerninflationsrate, die diese nur einmal auftretenden Effekte ausblendet, liegt konstant bei 1,7 Prozent. Von den Gefahren einer importierten Inflation kann ebenso wenig die Rede sein wie von einem heimischen Kostendruck. Die Löhne in der Euro-Zone wurden nur moderat erhöht, und das Abflauen des Wirtschaftswachstums signalisiert auch alles andere als einen bevorstehenden Nachfragesog, der die Preise in die Höhe treiben könnte. Das schwächere Wachstum deutet sogar darauf hin, dass der Trend der Inflationsrate im weiteren Jahresverlauf weiter nach unten zeigt.

Das einzige Stabilitätsrisiko, das bleibt, wären noch so genannte Zweitrunden-Effekte nach dem Anstieg des Ölpreises: wenn die Unternehmen versuchen würden, ihre Belastungen an die Konsumenten weiterzugeben, oder die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen wollten, um den Entzug an Kaufkraft auszugleichen. Doch dieses Risiko kann die EZB leicht ausschalten: mit der glaubwürdigen Erklärung, bei ersten Anzeichen von Zweitrunden-Effekten gegenhalten zu wollen.

Der noch jungen Europäischen Zentralbank mangelt es an Selbstvertrauen - und auch das ist ein ökonomischer Faktor. Solange sie selbst noch nicht überzeugt ist, dass sie sich die notwendige Achtung in der Wirtschaft verschafft hat, reagiert sie unsicher. Sonst hätte sie die Zinsen schon gesenkt - und damit die Wachstumskräfte in der Wirtschaft gestärkt.