Erfolgsstorys hören sich anders an. Im März verabschiedete sich der US- Internet-Spielzeughändler eToys vom Markt. Er hinterließ 274 Millionen Dollar Schulden. Bereits Anfang Februar hatte das weltgrößte E-Commerce-Unternehmen Amazon die Öffentlichkeit mit dem Plan geschockt, rund 15 Prozent der Belegschaft abzubauen. Ziel ist, bis Ende 2001 in die schwarzen Zahlen zu kommen. Geht, nachdem die bejubelten Pioniere der neuen Internet-Welt an den Börsen abgestraft wurden, das ganze Business baden? Ist der E-Handel schon am Ende? Im Gegenteil.

Ausgerechnet Unternehmen der Old Economy sind dabei, die New Economy mit Macht zu erobern: darunter traditionelle Händler wie der Otto Versand oder Quelle. Für Michael Otto, Chef des größten Versandunternehmens der Welt, war der Schritt ins Netz geradezu konsequent. "Unser Ziel ist es", sagt er, "die Stärken der Old Economy innovativ mit den Chancen der New Economy zu verknüpfen."

Schon seit 1995 hat Otto sein Unternehmen auf das neue Medium getrimmt; auch Quelle startete Mitte der neunziger Jahre seinen Auftritt im Internet. Inzwischen streiten die beiden Branchenführer um die Marktführerschaft bei den deutschen Internet-Händlern. Rund 650 Millionen Mark hat allein quelle.de im vergangenen Jahr umgesetzt - fast zehn Prozent vom Gesamtumsatz. Der Otto Versand samt Tochterunternehmen verkaufte in Deutschland Waren für mehr als 1,1 Milliarden Mark übers Netz. Weltweit kommen die Hamburger auf über 2,1 Milliarden - bei einem Konzernumsatz von 45,8 Milliarden Mark. Damit sieht sich Otto im weltweiten Endverbrauchergeschäft als Nummer zwei nach Amazon.

Für Rainer Hillebrand, im Otto-Vorstand für den Verkauf und das Online-Geschäft zuständig, ist das erst der Anfang: "Im Internet steckt solch eine Geschwindigkeit und noch so viel Entwicklungspotenzial, dass wir gerade erst drei Minuten nach dem Urknall sind." Doch die Versender, in den Augen mancher Konsumenten noch immer mit dem Image der per Katalog bestellenden Oma vom Lande behaftet, lassen sich von der neuen Geschwindigkeit nicht überrollen. Sie betreiben im Netz ein Geschäft, das sie schon seit 50 und mehr Jahren beherrschen. Und wissen längst, was viele junge Internet-Pioniere nicht gelernt, oft nicht einmal geahnt haben: wie die Ware zum Kunden kommt.

"Einen tollen Internet-Auftritt", spottet Hillebrand, "schaffen viele." Doch die Arbeit beginnt erst danach: von der Vermittlung der Bestellung zur Lieferauskunft, zu Fakturierung und Lagerabwicklung, dem Transport, der Warenabgabe beim Kunden bis zu Rechnungschreiben und Rücknahme der Ware - da kann vieles schief gehen.

Die traditionsreichen Versandhändler wissen: Der Kunde verzeiht gar nichts. "Und der Online-Kunde", ergänzt Rainer Hillebrand, "verzeiht noch viel weniger." Dem Hamburger Versender ist es egal, wie seine Kunden die Waren bestellen, ob per Telefon, Post, Fax, E-Mail oder Internet. Doch das Netz bietet ihm neue Möglichkeiten, dem Kunden Waren und Dienstleistungen nahe zu bringen. Während die traditionelle Kundschaft zweimal im Jahr einen Hauptkatalog mit der neuen Mode und sonstigen Angeboten zugeschickt bekommt, können Internet-Kunden jederzeit auf Sonderangebote aufmerksam gemacht werden. Viele Waren lassen sich auf dem Bildschirm besser präsentieren.

Inzwischen gibt es sogar die virtuelle Anprobe. Dazu muss der Kunde ein Foto von sich einschicken, das dann bearbeitet ins Internet gestellt wird. An seinem - passwortgeschützten - Konterfei kann er bislang knapp 300 verschiedene Kleidungsstücke ausprobieren. Anhand der angegebenen Maße wird ihm außerdem geraten, welche Konfektionsgröße er wählen sollte. Doch die Versender können die Möglichkeiten, die das Internet bietet, noch längst nicht alle nutzen. "Unsere Grenzen liegen bei Speicherkapazität und Ausstattung der Haushalte", erklärt Rainer Hillebrand. Die Händler nutzen das Internet, um ein neues, junges Publikum anzusprechen - Kunden, so Hillebrand, "die wir mit dem Katalog nicht hinter dem Ofen hervorgelockt hätten".