DIEZEIT: Seit Monaten vergeht kein Tag, an dem die polnische Presse das Thema Jedwabne nicht aufgreift. Besonders der Dokumentarfilm Nachbarn hat die Menschen aufgewühlt. Wie erklären Sie diese Heftigkeit der Debatte?

JAN TOMASZ GROSS: Das Pogrom von Jedwabne stellt die bisherige Identität der Polen infrage. Nach der russischen, deutschen und österreichischen Fremdherrschaft im 19. Jahrhundert hatte sich im kollektiven Bewusstsein vor allem das Bild als Opfer eingeprägt, und der Zweite Weltkrieg hat die romantische Vision von Polen als dem Christus unter den Völkern noch einmal bekräftigt.

In dieses heroische Selbstbildnis dringt nun die Erkenntnis: Wir waren nicht nur Helden, wir waren nicht nur Opfer. Wir sind auch Täter und nicht ohne Sünden. Wir haben uns in einer Situation, in der wir selbst zu leiden hatten, nicht immer großherzig verhalten.

ZEIT: Warum fällt die selbstkritische Korrektur gerade im Verhältnis zu den Juden so schwer? Welche Denkmuster existierten bisher über das polnisch-jüdische Verhältnis?

GROSS: Bei einer Anfang der neunziger Jahre durchgeführten Erhebung, die später unter dem Titel Sind die Polen Antisemiten? veröffentlicht wurde, lautete eine Frage: Wer litt mehr im Zweiten Weltkrieg - die Polen oder die Juden? Die meisten der Befragten glaubten, die Polen hätten mehr oder sie hätten ebenso viel gelitten wie die Juden. Die Mehrheit war sich nicht bewusst, dass die Juden im Unterschied zu den Polen vollständig ausgelöscht worden sind. Das sind grundlegende Wissenslücken.

Dann gibt es die Überzeugung, die Polen hätten alles nur Mögliche getan, um den Juden zu helfen. Einerseits habe es zwar die so genannten szmalcownicy gegeben - Denunzianten, die die Juden erpressten, sie beraubten und den Deutschen auslieferten. Andererseits aber habe keine andere Nation so viele Bäume der Gerechten in Jad Vaschem: ein Beweis für die heldenhafte Minderheit, die den Juden half und sie versteckte.

Der Durchschnittsbürger aber, so die allgemeine Auffassung, habe angesichts der Tatsache, dass mit dem Tode bestraft wurde, wer den Juden half, nur hilflos reagieren können: Man könne nicht erwarten, dass die Menschen Helden seien. Wer diesen gängigen Denkmustern widerspricht, weckt Aggressionen. Das spürte schon der Literaturwissenschaftler Jan Blonski, als er 1987 sehr vorsichtig die Gleichgültigkeit der Zuschauer hinterfragte - jener Masse von Polen, die unmittelbar zu Zeugen der großen Vernichtung wurden.