Um uns von dieser gräulichen Entwicklung abzulenken, werfen wir schnell einen Blick auf die Schlagzeilen der Tagespresse, auf die vorwiegend manngemachten Ereignisse also. Bei den hessischen Blättern stehen die Parlamentswahlen in Montenegro im Vordergrund: "Knappes Votum für Abspaltung", titelt die "Frankfurter Rundschau". "Djukanovic hält an seinem Ziel fest / ‚Großer Schritt zur Unabhängigkeit'", die "Frankfurter Allgemeine". Genau entgegengesetzt interpretiert die "tageszeitung" das Ergebnis: "Jugoslawien gibt nicht so schnell klein bei". Die "Welt" fragt auf der Eins: "Neue Milliarden für den Aufbau Ost?", der "Tagesspiegel" hat Spektakuläres aus der Lokalpolitik zu berichten: "Berlin verbietet Demo am 1. Mai". Sowohl die "Süddeutsche Zeitung" als auch das "Handelsblatt" machen mit den verhaltenen Lagebeurteilungen auf, die das Ifo-Institut unter Wirtschaftsexperten gesammelt hat. Mit vielen neckischen Unwichtigkeiten lockt heute die "Bild": "Fahrverbot für kleinen Schumi. Mit 170 km/h in Radarfalle" steht über dem Aufmacher, "Babs Becker: Ihr Single-Leben in Miami" darunter. Was die "Bunte" noch schreiben soll, wenn ihr die "Bild" ständig einen reinnaddelt, soll nicht unsere Sorge sein.

Montelawien

Die vorgezogenen Parlamentswahlen in Montenegro haben am Sonntag kein eindeutiges Ergebnis gebracht. Die Unabhängigkeitsbewegung, die der bisherige Präsident Djukanovic anführt, erhielt 42,05 Prozent der Stimmen; die Parteien, die sich für einen Verbleib Montenegros im jugoslawischen Staat engagieren, kamen auf 40,67 Prozent. Was nun? "Die im April 1992 ausgerufene Bundesrepublik Jugoslawien, bestehend aus Serbien und Montenegro, ist ein untoter Staat: Er lebt nicht mehr, kann aber auch nicht sterben", schreibt die "Frankfurter Allgemeine" in ihrem Titelkommentar. "Es gibt keinen Grund für Wiederbelebungsversuche. Nur ein runderneuertes Jugoslawien, dezentralisiert und stark föderalisiert, könnte wieder ins Leben zurückkehren. Der Teilrepublik Montenegro die Trennung von Serbien zu verwehren, auch wenn nur eine knappe Mehrheit dafür votiert, hieße den Fehler von vor zehn Jahren zu wiederholen, als man Slowenien und Kroatien, später Bosnien-Herzegowina zum Verbleib bei Serbien zwingen wollte. Diesmal muß der Westen eine neutrale Position einnehmen". Ganz anders argumentiert Katja Ridderbusch in der "Welt", die gegen den "Albtraum balkanischer Kleinstaaterei" anschreibt: "Der Wahlausgang bei Serbiens kleinem Bruder beweist, was sich seit der Belgrader Oktoberrevolution abzeichnete: dass Djukanovic zu den Verlierern der jugoslawischen Wende gehört, dass die Geschichte über ihn hinweggefegt ist. Das politische Gefüge hat sich verschoben und mit ihm die Rolle Djukanovic'. Im Vergleich zu Milosevic galt der smarte Staatschef stets als reformorientiert, und seine Separationsidee hatte das Wohlwollen des Westens. Die Revolution in Belgrad setzte die Maßstäbe neu: Plötzlich steht Djukanovic als Vertreter des ‚alten Denkens' da, es sind die Führer des neuen Serbiens, zumal die jungen, die das politische Herz des Westens erobert haben, und niemand mag mehr verstehen, warum jetzt noch Handlungsbedarf für ein unabhängiges Montenegro besteht".

CSU: Mentale Zuwanderung

Auch die CSU hat in den letzten Monaten niemand verstanden. Schien ihre Ausländer- und Asylpolitik doch von vorvorgestern zu sein. Doch die Zeiten ändern sich: Edmund Stoiber hat aufgeholt, ohne zu überholen. "Der Parteivorstand der CSU hat gestern neun Thesen zur Einwanderungspolitik vorgelegt", eröffnet Eberhard Seidel seinen sarkastischen Kommentar auf der Titelseite der "tageszeitung". "Ergebnis: Das letzte verlässliche Bollwerk gegen die Ausländerflut bröckelt. Ausgerechnet die Partei, die so ausdauernd und inbrünstig das Lied vom Asylmissbrauch, von der Ausländerkriminalität und den unnützen Fremden zu singen wusste, meint nun: Deutschland braucht Einwanderung im großen Stil. Und verlässliche Integrationsangebote, die den Neuankömmlingen eine Eingliederung in die Gesellschaft erleichtern. Das ist beruhigend. Die CSU hat damit im letzten Moment bewiesen, dass sie - anders als zum Beispiel die NPD oder die ‚Republikaner' - noch immer in der Lage ist, demografische, soziale und wirtschaftliche Fakten zur Kenntnis zu nehmen". Auch der Kommentator der "Süddeutschen Zeitung" ist erleichtert: "Es muss nun nicht mehr über das ‚Ob' der Einwanderung gestritten werden, sondern nur noch über das ‚Wie'. Das ist schwierig genug. Wie schwierig, zeigen die ersten Äußerungen der CSU über die [vorgeschlagene] Einwanderungsquote: Die klingen so, als wolle man Asylbewerberzahlen auf Einwanderungsquoten anrechnen, was partout nicht geht und unsinnig ist: Einwanderung und Asyl sind zwei Paar Stiefel und die Interessenlagen dabei völlig verschieden. Einwanderer kann man sich aussuchen, Flüchtlinge nicht." Ob selbst dieser Gedanke seinen Weg in die bayerische Staatskanzlei findet, bleibt abzuwarten. Am 10. Mai wollen CSU und CDU ein gemeinsames Konzept zur Ausländerpolitik vorstellen.

Geiselnahme in der Türkei

13 schwer bewaffnete Männer stürmten in der Nacht zum Montag ein Luxushotel in Istanbul. Sie wollten weder Geld haben noch Gesinnungsgenossen freipressen - sie wollten mit der Aktion nur auf den fast vergessenen Krieg in Tschetschenien hinweisen. Nachdem im türkischen Fernsehen eine entsprechende Erklärung der Geiselnehmer verlesen worden war, stellten sich die Männer der Polizei. Der "Tagesspiegel" wertet die Tat als "Mahnung an Russland, dass der Konflikt militärisch nicht zu gewinnen ist. Und [als] Warnung an den Westen. Müssen sich Geiselnahmen westlicher Touristen durch Tschetschenen erst wiederholen und hinziehen wie das Jolo-Drama, ehe das große Nachdenken einsetzt, ob es nicht doch mehr und andere Mittel gibt, Moskau zum Ende der Gewalt zu drängen?" Insofern sei die Botschaft der Geiselnehmer angekommen - aber sie hätten ihrer Sache auch gleichzeitig geschadet, wie Jürgen Gottschlich in einem äußerst informierten Kommentar der "tageszeitung" ausführt. Der Grund: Die "Terroristen/Freiheitskämpfer" hätten mit der Aktion die Interessen ihrer heimlichen Schutzmacht Türkei verletzt. "Sie haben die türkische Regierung desavouiert und - schlimmer noch - den entscheidenden Wirtschaftszweig beschädigt. Dabei lässt sich die türkische Finanzkrise nur durch steigende Touristenzahlen mildern. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die Geiselnehmer dieses Mal nicht so glimpflich davonkommen wie nach der Entführung der Fähre 1996. Die türkische Regierung wird zu ‚ihren Terroristen' auf größere Distanz gehen."