Vor einem Jahr habe ich Ballhaus an der DFFB kennen gelernt, wo er zwei Kameraseminare leitete. Er ist trotz seines Erfolgs in Hollywood ein offener und netter Mensch geblieben. Als ich Freunden erzählte, dass ich nach Rom fahre, wollten alle gleich ein Autogramm von Cameron Diaz oder Leonardo DiCaprio.

Das Taxi, das mir mit dem Koffer helfen soll, hält vor einer typischen Grunewald-Villa, vier Stockwerke, acht Mietparteien. Hier also lebt das Ehepaar Ballhaus, wenn es mal ein paar Wochen in Berlin ist statt in Los Angeles oder New York. Frau Ballhaus ist eine Dame Ende fünfzig mit Goldrandbrille. Ich sehe zu, wie sie noch Socken in den überfüllten Alukoffer stopft. Gemeinsam kriegen wir den Deckel gerade so zu. Frau Ballhaus umwickelt den Koffer vorsichtshalber mit Klebeband.

1. Tag

Die Fahrt im Nachtzug war lang und anstrengend. Das Bett in der Pension Elide ist durchgelegen, ich habe schlecht geschlafen - vielleicht auch vor Aufregung. Ich rufe Ballhaus' persönlichen Assistenten Matthew an, er gibt eine Adresse durch. Es ist nicht die von Cinecittà. Eine Stunde und eine lange U-Bahn-Fahrt später, so gegen neun Uhr morgens, stehen Julia und ich auf einem schmuddeligen Parkplatz zwischen Autowracks, über die Ziegen klettern. Kondome liegen herum, hier muss nachts wohl ein Straßenstrich sein. Ein Schild zeigt uns den Weg zum Set.

Wir treffen auf Menschen in Fantasiekostümen vor einem Höhleneingang. Außendreh auf einer Champignonfarm. In der Höhle das Filmteam und ein paar hundert Komparsen. Die Wände sind braun patiniert, die tiefen, verwinkelten Grubengänge sollen wohl geheime Katakomben darstellen, und sie sehen wirklich überzeugend aus im Licht der vielen Fackeln. Was für ein Fake-Business Film doch ist.

Dann stehe ich nur zwei Meter neben Martin Scorsese - dem Regisseur von Mean Streats und Taxi Driver! Er wirkt wie ein Jockey, der auf seine alten Tage dick geworden ist. Er trägt eine Altherren-Bundfaltenjeans, Bergstiefel und eine dicke, wattierte Jacke, denn es ist ziemlich kalt hier unten. Ich erkenne auch den irischen Schauspieler Liam Neeson, in einem bodenlangen schwarzen Mantel. Ein beeindruckend großer Mann. Er mimt einen Priester und zugleich Anführer einer irischen Gang namens Dead Rabbits, die sich im New York Mitte des 19. Jahrhunderts gegen andere Gangs zur Wehr setzt. In Gangs of New York geht es um Gruppen von kriminell organisierten Einwanderern, die um die Vorherrschaft in der schnell wachsenden Stadt kämpfen. Viel mehr wissen wir nicht, denn wir hatten noch keine Zeit, das 200 Seiten dicke Drehbuch ganz durchzulesen. Bis auf die Anfangsszene, und die wird tatsächlich in den nächsten Tagen gedreht.

Martin Scorsese und Michael Ballhaus, nebeneinander sitzend, haben ihren eigenen Monitor, auf dem sie den Videomitschnitt der zuletzt gedrehten Szene betrachten. Scorsese und Ballhaus besprechen das Bild, und ab und zu erklärt Ballhaus dem Operator, der die Kamera schwenkt, was er anders machen soll und wie genau. Nur wenn etwas gar nicht funktioniert, sieht man Scorsese selbst Regieanweisungen geben. Alles andere regelt, in Absprache, der Regieassistent.