T I E R S E U C H E N Der sicherste Stall Deutschlands

Auf Riems spüren Forscher den Erregern von Rinderwahn und Klauenseuche nach

Die meisten Tiere auf der Insel Riems haben keine Namen, nur Nummern. Hinter Stahltüren, die an Schiffsschotte erinnern, warten rund 100 Rinder, Schweine, Wildsauen, Schafe und Hühner auf ihren Einsatz. Tageslicht gibt es hier im "Isolierstall" nicht, Stroh zum Liegen auch nicht. Dafür lauern in nächster Nähe 200 der gefährlichsten Virenarten der Welt, unter anderem die Auslöser für Maul- und Klauenseuche (MKS), Geflügel- oder Schweinepest. Stellvertretend für Millionen Artgenossen machen die Riemser Tiere damit ungemütliche Bekanntschaft. Damit die Krankheitserreger nicht ins Freie gelangen, herrscht in diesem Stall ständiger Unterdruck, werden Abluft und Abwasser erhitzt und gefiltert - ein Hochsicherheitstrakt für Tiere.

Der Ort dieses Geschehens liegt inmitten eines Postkartenidylls, einer aquatischen Landschaft, die Heiterkeit und Melancholie verströmt. Sanft kräuselt der Ostwind die Wasser des Greifswalder Boddens, das Land scheint ohne klare Konturen und scharfe Grenzen allmählich in Meer überzugehen. Wer hierher will, biegt auf halbem Weg zwischen den alten Hansestädten Greifswald und Stralsund in eine Stichstraße zur Küste ab. Vorbei an dem hübschen Fischerdorf Gristow mit einer halb verfallenen Kirche, mit Reetdächern und den üblichen Neubauten. Ein schmaler Damm führt vom Festland hinüber zur Ostseeinsel Riems, die genau genommen eine Halbinsel ist. Braunes Schilf wiegt sich rechts und links - doch dann findet das Idyll ein jähes Ende. Ein massiver, stacheldrahtbewehrter Stahlgitterzaun umgibt die Siedlung auf der Insel. Schilder warnen: "Seuchengefahr, Betreten verboten". Wer hier hinein will, braucht eine Sondererlaubnis.

Riems ist ein verbotener Ort. Besucher sind nicht gern gesehen, seit der Seuchenforscher Friedrich Loeffler Anfang des vergangenen Jahrhunderts das Eiland für seine gefährlichen Versuche reservieren ließ. Seit 1910 wird hier mit Erregern experimentiert, die normalerweise besser dort bleiben sollten, wo sie am wenigsten Unheil anrichten können: in der Petrischale oder der Tiefkühltruhe. Auf Riems dürfen sie sich - unter den strengen Augen der Wissenschaft - ein wenig austoben. Auf diese Weise hoffen die Forscher, ein Gegenmittel gegen jene Tierseuchen zu finden, die nach wie vor große wirtschaftliche Schäden anrichten: MKS, Rinderwahn, virusbedingte Fischkrankheiten, Schweinepest. So wird auf Riems eine neu entwickelte "Schluckimpfung" gegen die Schweinepest getestet. Und die Wissenschaftler beteiligen sich an der Entwicklung neuer, markierter Impfstoffe gegen die Maul- und Klauenseuche, die endlich die Unterscheidung von geimpften und kranken Tieren möglich machen soll.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, gibt es keinen besser geeigneten Ort als den Backsteinturm der Kirche von Gristow, der einzigen namhaften Erhebung weit und breit. Von hier hat man, klares Wetter vorausgesetzt, einen fabelhaften Blick über die Gristower Wiek bis hinüber nach Rügen. Aus der Vogelperspektive wirkt Riems wie ein etwas ungeordnetes Konglomerat aus Wohnhäusern, Büro- und Laborgebäuden, Schuppen und Schornsteinen. Mittendrin ein fensterloser Klotz, der an ein sowjetisches Atomkraftwerk erinnert - das Isolierstallgebäude.

Der Insel vorgelagert ist Riemserort, zu DDR-Zeiten die exklusive Siedlung der Inselmitarbeiter. 800 Menschen beschäftigte das Institut damals, als hier neben der Forschung eine große Produktionsstätte für Tierimpfstoffe betrieben wurde. Der Bedarf war groß, denn anders als heute gab es in der DDR flächendeckende Routine-Impfungen gegen MKS und Schweinepest. Nach der Wende wurde das Serumwerk ausgegliedert und als Riemser Arzneimittel AG erfolgreich privatisiert. Ein Hoffnungsschimmer für die von Arbeitslosigkeit und Abwanderung gebeutelte Region.

Außerdem hofft man nun, von der geplanten Verlagerung der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere zu profitieren. Riems ist seit 1997 offiziell Hauptsitz der Forschungsanstalt; derzeit sitzt das Institut für Immunologie mit den zentralen Labors zur Diagnostik von MKS und BSE allerdings noch in Tübingen. Dort laufen die berüchtigten "Referenztests", die über das Schicksal ganzer Herden von Rindern, Schweinen und Schafen entscheiden. Doch bis 2006 soll die gesamte deutsche Tierseuchenforschung an der Ostsee konzentriert werden: Neben dem Tübinger Institut wird auch das Institut für Epidemiologie und epidemiologische Diagnostik im brandenburgischen Wusterhausen auf die Insel Riems verlegt. Und zusätzlich zu den bereits bestehenden Instituten für Molekularbiologie, Virusdiagnostik und Infektionsmedizin wird auf Riems gerade ein Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger aufgebaut. Die Ortswahl hat einen guten Grund: "Die Insellage bietet natürlich ein zusätzliches Maß an Sicherheit", argumentiert der Präsident der Bundesforschungsanstalt, Thomas C. Mettenleiter, ganz im Sinne des vorbeugenden Seuchenschutzes.

In einem Großversuch sollen 50 Rinder mit BSE infiziert werden

Die Anlagen zur Diagnostik von Maul- und Klauenseuche, die 1993 auf Riems geschlossen wurden, sollen aus aktuellem Anlass schon vor der Verlegung des Tübinger Instituts wieder geöffnet werden. "Wir müssen gewappnet sein", sagt Mettenleiter. Alles in allem gut 200 Millionen Mark sollen auf der Insel in Um- und Neubauten investiert werden. Damit setzt sich eine wechselvolle Wissenschaftsgeschichte just mit der Erforschung jener Krankheit fort, die vor nahezu 100 Jahren zur Errichtung der Forschungssiedlung Riems führte.

Friedrich Loeffler, seinerzeit Ordinarius an der Greifswalder Universität, hatte 1898 als Erster herausgefunden, dass für die Maul- und Klauenseuche eine neue Klasse "allerkleinster Organismen" verantwortlich sein musste. Vom preußischen Kulturministerium war er mit der Erforschung der verheerenden Tierkrankheit betraut worden; die Arbeiten an einem Gegenmittel, einem ersten Impfserum, wurden aus Sicherheitsgründen aus der engen Universitätsstadt hinaus auf die Insel verlagert. Auch wenn Loeffler seine "Organismen" niemals selbst zu Gesicht bekam - das gelang erst mit der Entwicklung des Elektronenmikroskops -, hatte er mit seinen Forschungen das Tor zu einer neuen Welt im Grenzbereich des Lebens aufgestoßen, der Welt der Viren.

In diesem Nanometer-Kosmos, im Reich der milliardstel Meter, ist der Molekularbiologe Thomas Mettenleiter zu Hause. Der "Herr der Seucheninsel", wie ihn die Berliner Zeitung nannte, ist sozusagen ein direkter Amtsnachfolger Friedrich Loefflers, dessen Büste im Hauptgebäude des Instituts steht. Davor auf der grünen Wiese grast eine namenlose Bronzekuh, etwas abgemagert und von Wind und Wetter gezeichnet. "Unsere Doktoranden reiten auf ihr, wenn sie ihre Prüfungen bestanden haben", sagt Mettenleiter. "Das ist so ein Ritual."

Von seinem Schreibtisch aus blickt er direkt aufs Meer, doch die schöne Aussicht kann Mettenleiter derzeit nur selten genießen. Der 44-Jährige ist ein gefragter Mann in Zeiten, in denen brennende Scheiterhaufen mit Kadavern von Rindern und Schweinen archaische Ängste wecken und man sich von der Wissenschaft entlastende Gewissheiten erhofft - Gewissheiten allerdings, die Mettenleiter und seine Leute selten zu geben bereit oder imstande sind.

Eine solche Gewissheit könnte ein ehrgeiziger Großversuch bringen, für den die abgelegene Insel wie geschaffen scheint. Wahrscheinlich noch in diesem Jahr soll eine Herde von 30 bis 50 Rindern künstlich mit BSE infiziert werden. Über fünf Jahre will man dann die Tiere beobachten beziehungsweise zu bestimmten Zeitpunkten töten und untersuchen. Die Vorhut bilden sozusagen Otto, Lilli, Raffi und Manfred, vier Rinder, die mit BSE-infizierten Tieren verwandt sind und zur wissenschaftlichen Beobachtung auf die Insel gebracht wurden. Mettenleitner weiß, dass die Forscher mehr Versuchstiere brauchen, wenn sie dem BSE-Erreger und seinen Übertragungswegen auf die Spur kommen wollen. "Bislang können wir nur sagen, dass der Erreger über den Magen-Darm-Trakt in den Körper gelangt", sagt Mettenleiter. "Wie aber kommt er vom Darm ins Gehirn?" Dies sei nur eine von vielen offenen Fragen.

Doch Mettenleiter weiß auch, dass dieser Großtierversuch nicht unumstritten ist und dass er die Gefühle der Menschen nicht übergehen darf. Deshalb will er einen "gesellschaftlichen Konsens", eine Verständigung über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Experiments. Es gilt, Überschneidungen mit ähnlichen Versuchen in Großbritannien zu vermeiden und auch die Tierschützer ins Boot zu holen. Aus der Politik habe er schon positive Signale vernommen, berichtet der Molekularbiologe, selbst die Tierschutzverbände hätten vorsichtige Zustimmung signalisiert.

Die potenzielle Gefährdung des Menschen durch BSE ist schließlich ein überzeugendes Argument: "Man muss davon ausgehen, dass europaweit sehr viele Menschen mit dem Erreger in Kontakt gekommen sind", sagt Martin Groschup, kommissarischer Leiter des Instituts für neue und neuartige Tierseuchen. "Ob dies auch häufig zu Infektionen geführt hat, wissen wir nicht." Trotzdem müssten schnellstmöglich Wege gefunden werden, um zu verhindern, dass die Krankheit zum Ausbruch kommt. Kein Forscher auf Riems wagt derzeit die Prognose, ob und wann es gelingen wird, BSE-Tests für lebende Rinder zu entwickeln oder gar einen Impfstoff gegen die Seuche. Allzu viel ist über BSE immer noch unbekannt. Wo im infizierten Tier kann der Erreger überall nachgewiesen werden? Ist er etwa doch in der Milch enthalten? Wird er mit dem Kot ausgeschieden und verseucht die Weiden? Hierzu gibt es bisher zwar keine Anhaltspunkte, doch die Forscher wollen größtmögliche Sicherheit. "Ohne Untersuchungen am lebenden Tier werden wir nicht weiterkommen", sagt Groschup.

Die Arbeit mit dem unheimlichen Prion wird ein Schwerpunkt der künftigen Arbeit auf Riems sein. Doch die meisten Projekte beschäftigen sich mit altbekannten Erregern. Im "Laborbereich Altbau", einem "gesperrten Standort Schweinepest/Geflügelpest" forscht der Biochemiker Axel Karger an Schweineherpesviren. "Das Virus ist brutal", sagt Karger. "Ohne Immunsystem schlägt es gnadenlos zu." Alle Zellen, mit denen es in Kontakt kommt, lösen sich nach kurzer Zeit auf. Für den Menschen interessiert sich der Erreger nicht, doch junge Schweine, die keinen ausreichenden Immunschutz haben, gehen oft an einer Gehirnentzündung ein, die von dem Virus ausgelöst wird.

Ob eine neu entwickelte "Schluckimpfung" gegen die Schweinepest wirkt, testet der Veterinär Volker Kaden im Isolierstall. Wer in den riesigen Stallkomplex - noch in den letzten Jahren der DDR errichtet - gelangt, betritt den Hochsicherheitsbereich auf Riems: Sicherheitsstufe L3 und L3 plus. Das heißt: Kleidungswechsel inklusive der Unterwäsche, frische Gummistiefel vor jedem neuen Stall, am Ende eine fünfminütige Zwangsdusche.

Sechs Wildschweine kämpfen hier - stellvertretend für ihre Artgenossen - gegen das Virus der Schweinepest. Kadens Impftest soll klären, wann die immunisierende Wirkung eintritt und wie lange der Schutz anhält. Ein Erfolg würde die Seuchenbekämpfung erheblich erleichtern, denn oft sind es Wildtiere, welche die Schweinepest verbreiten. Das Schicksal von Kadens Schweinen allerdings ist vorgezeichnet: Ihr Weg aus dem Isolierstall führt nur durch den Sektionsraum. Dort werden sie nach Abschluss der Versuche getötet, zu Brei zermahlen und in einer Tierkörperbeseitigung verbrannt. Kein schönes Ende dieses Schweinelebens im Dienste der Wissenschaft. Andererseits: In Zeiten wie diesen kein ungewöhnliches Tierschicksal.

 
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