Alle Statistiken weisen einen dramatischen Bevölkerungsverlust in den ostdeutschen Bundesländern aus. Wenn wir einmal gedacht haben sollten: "Die Mauer muss weg, damit die Menschen dableiben wollen!", so müssen wir heute feststellen: Das Gegenteil ist der Fall... Nun muss man sich vor Fehleinschätzungen hüten: Im Prinzip ist es völlig gleichgültig, wie viele Deutsche es auf der Welt, in Deutschland oder in Ostdeutschland gibt, sozusagen: in der Summe. Was aber überhaupt nicht gleichgültig ist, das ist die Veränderung in der Bevölkerungsstruktur, die durch eine bloße Summen- und Saldo-Betrachtung verdeckt wird. Immerhin haben wir schon gelernt: Wenn das Faktum "weniger Deutsche" bedeutet, in der Rest-Bevölkerung nimmt der Anteil der Alten zu, der Anteil der Jungen aber logischerweise ab, dann bekommen wir ein massives Problem mit allen sozialen Sicherungssystemen. Wenn heute zwei Arbeitnehmer einen Rentner "finanzieren", wenn aber irgendwann nach dreißig weiteren Jahren ein Arbeitnehmer zwei Rentner mittragen soll – dann hat man eine ungefähre Vorstellung von dem sozialen Sprengstoff, der sich mit dieser Veränderung aufbaut.

Nun baut sich ein neuer Sprengstoff auf – verbunden mit der Abwanderung aus dem Osten. Wiederum ist es im Prinzip völlig gleichgültig, wie viele Deutsche in den alten oder den neuen Bundesländern leben. Überhaupt nicht gleichgültig ist aber, welche Menschen gehen – und welche bleiben. Es gehen vor allem jene, die mobil, motiviert und qualifiziert genug sind, anderswo ihr Glück zu machen – und es bleiben ( im ganz grob schraffierten Bild) gewiss jene, die entweder zu alt oder zu müde sind, irgendwo noch Chancen zu finden. (Natürlich bleiben auch jene vergleichsweise wenigen, die schon im Osten ihr Glück gefunden haben.) Insgesamt aber ergibt sich – per Saldo – ein Trend: In Ostdeutschland steigt der Anteil jener Menschen, die sich als Verlierer des Schicksals sehen. Das ist zunächst ihr subjektiver Befund. Aber dieser subjektive Befund stützt sich auch auf objektive Erfahrungen und Fakten.

Nun kommt aber erst das wahre Problem zum Vorschein – vor allem, wenn man einen geschichtlichen Rückblick anstellt: Als die Herrscher der Mark Brandenburg feststellten, dass sie mit ihrer Stammbevölkerung allein auf keinen grünen Zweig kommen würden, betrieben sie eine energische Zuwanderungspolitik. Sie holten Ausländer ins Land, die zu Hause religiös verfolgt wurden, aber Qualifikationen mitbrachten, die den Preußen fehlten. Friedrich der Große sagt knapp: Wenn die Juden und Türken das Land "peuplieren" wollten, so wolle er ihnen Synagogen und Moscheen bauen.

Ein absolut herrschender König (oder Kurfürst) konnte ohne weiteres so ausländerfreundlich sein, ohne seine Untertanen groß zu fragen. Aber in der modernen Demokratie müssen die Bürger schon selber ausländerfreundlich sein, auch freundlich zu Zuwanderern aus dem eigenen Lande. Das aber fällt von Jahr zu Jahr immer schwerer, wenn die "Stammbevölkerung" tendenziell immer mehr zu einer "Verliererbevölkerung" – und damit auch potentiell immer mehr zu einer ressentimentgeladenen, fremdenfeindlichen Bevölkerung wird – nicht insgesamt und jeder einzelne, bewahre!, aber doch in einer immer größeren Minderheit. Dann nämlich beißt sich die Katze in den Schwanz!