Aber warum kommen wir an dieser Stelle darauf zu sprechen? (Diese Frage wird an dieser Stelle so oft gestellt, weil es so oft um das Thema hinter dem Thema geht.)

Als Joschka Fischer unter Verdacht gestellt wurde und ein hessischer Staatsanwalt - ganz gewiss doch ohne politische Nebenabsicht - ein Ermittlungsverfahren gegen den früheren hessischen Turnschuh- und Umweltminister einleitete, da gab es eine ungeheuer aufgeregte große Berichterstattung und Spekulationen satt: Muss der Außenminister etwa bald zurücktreten, vielleicht hat er ja doch gelogen, irgendwie wirkt er abgelenkt, vielleicht hat er ja doch gelogen, und so etwas will Außenminister bleiben, obwohl er ja vielleicht doch nicht gelogen hat.

Jetzt, da die Luft raus ist, die von Anfang an nur heiße Luft gewesen war - jetzt wird die Sache nur noch an nachgeordneter Stelle gemeldet. Aber dass irgendjemand einmal seine Äußerungen, die er noch vor ein paar Wochen gemacht hatte, seine politischen und persönlichen Zusatz- und Gratis-Verdächtigungen, dass er sie gar korrigieren könnte, ja, dass er sogar sagen könnte: Sorry (oder: 'tschuldigung) - das werden wir wohl nie erleben. So bleibt halt immer ein G'schmäckle.

Nun brauchen wir keine Weicheier zu sein - und in der Politik schon gar nicht. Wer ein öffentliches Amt übernimmt, unterliegt verschärfter Aufmerksamkeit. Und da muss man es sich gefallen lassen, dass auch einem Verdacht nachgegangen wird. Aber es gilt doch zugleich, den Unterschied zwischen einem Verdacht und einer Verdächtigung im Auge zu behalten.

Und was die Presse angeht: Natürlich ist es interessanter und mitteilenswürdiger, wenn jemand gelogen hat, als wenn jemand nicht gelogen hat. Die Ausnahme ist eben stets interessanter als die Regel. Wobei ich gar nicht so sicher bin, was auf diesem Feld Regel ist und was Ausnahme. Trotzdem wünschte ich mir, dass Leute, die zu Unrecht deutlich belastet wurden, hinterher auch zu Recht ebenso deutlich entlastet werden. Aber wir Journalisten sind so empfindlich und einfühlsam nur gegen uns selber.