Im Zimmer riecht es nach Creme. Ein Radio spielt Klassik. Damit es nicht so still ist. Kann Walter K. die Musik hören? Er liegt unter einer Bettdecke, der Körper flach und hart wie ein Brett. Seine Fäuste stehen im 90-Grad-Winkel von den Armen ab. Zwischen den Fingern steckt ein Waschlappen, damit sich die Nägel nicht ins Fleisch graben. Die Nase ragt nach oben, den zahnlosen Mund hat Walter K. aufgerissen. Ein weißer Pelz bedeckt die Zunge. Mitunter stößt er röchelnd ein paar Laute aus. Wenn das Röcheln zum Brodeln wird, weiß die Schwester, dass sie Schleim absaugen muss.

Walter K.s Arme und Beine sind gelähmt, große Teile seines Gehirns sind zerstört. Nur ab und zu öffnet er die Augen und lässt sie in verschiedene Richtungen gleiten. Doch er atmet, und sein Herz schlägt langsam und gleichmäßig.

Schaltet man das Radio ab, hört man das Pumpen, das Walter K. am Leben hält. Über einen Schlauch drückt ein Motor Nahrung in seinen Körper. Eine milchkaffeebraune Masse fließt aus einem Beutel durch ein Loch in der Bauchdecke direkt in den Magen. Über einen zweiten Schlauch fließt Urin aus der Blase ab. 12 Kartons der kaffeebraunen Sondernahrung stehen im Schrank. Darüber liegen auf einem Bord fünf aufgeschnittene Polohemden. Sie sind das Einzige, was Walter K. noch braucht. Der Bürokalender neben dem Bett ist ohne Eintrag.

Walter K. hatte genaue Vorstellungen von den Dingen, den kleinen wie den großen. "Man muss aus seinem Leben etwas machen" hieß einer seiner Grundsätze. Eine gehobene Position in der Firma, 42 Ehejahre, vier Kinder, ein Haus mit Garten - Walter K. hat aus seinem Leben etwas gemacht. Als er vor fünf Jahren in Rente ging, wussten alle: Der bleibt jetzt nicht zu Hause sitzen. Jeden Morgen um sechs stand er auf und fuhr vor dem Frühstück mit seiner Frau zum Schwimmen. Zweimal im Jahr ging es in den Urlaub. Australien, Südafrika, USA, stets ohne Reisegruppe, alles minutiös geplant.

Ja, Walter K. war ein ordentlicher Mensch, der kluge Gedanken schätzte, Gefühlen misstrauisch gegenüberstand und nur ungern etwas dem Zufall überließ, im Leben wie im Sterben. Der Tod war ihm vertraut. Eine Freundin starb an Parkinson, eine Schwägerin an Krebs, die Schwiegermutter lag in den letzten Monaten ihres Sterbens im Koma. Seine eigene Mutter, ebenfalls von Krebs zerfressen, verbrachte ihre letzten Wochen nicht im Krankenhaus, sondern bei den K.s zu Hause.

Herr über seinen eigenen Tod zu sein, dieses Recht wollte auch Walter K. für sich in Anspruch nehmen. Deshalb verfasste er am 19. Februar 1999 eine Patientenverfügung und setzte seine Unterschrift unter folgende Sätze: "Für den Fall, dass ich unwiederbringlich nicht mehr in der Lage sein sollte, meinen Willen auszudrücken, verfüge ich im jetzigen Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, dass an mir keine sterbeverlängernden Maßnahmen durchgeführt bzw. bereits begonnene abgebrochen werden, sofern ich für den Rest meines Lebens unumkehrbar bewusstlos sein sollte." So hatte er es in der ZEIT gelesen.

Der Fall ereignete sich schneller als gedacht. Sechs Wochen danach, im Urlaub in Portugal, fand ihn seine Frau nachts auf dem Boden krabbeln und sich übergeben. Das Hotelpersonal dachte, er sei betrunken. Kurze Zeit später rührte er sich nicht mehr. Die Ärzte diagnostizierten eine Bewusstlosigkeit als Folge einer Hirnhautentzündung.