Das hätte man nicht für möglich gehalten, dass die angelsächsische Philosophie des 20. Jahrhunderts einmal in das Fahrwasser eines objektiven Idealismus einbiegen würde. Als "idealistisch" wurden bestimmte ihrer Tendenzen freilich schon früher gekennzeichnet. Aus Wittgensteins sozialer Theorie des Geistes schien zu folgen, dass die Welt, auf die wir uns erkennend und handelnd beziehen, nichts weiter als ein kulturelles Erzeugnis ist. Dieser relativistischen Deutung sind alle diejenigen gerne gefolgt, die das Ideal objektiver Erkenntnis - mit Nietzsche, Foucault oder Rorty - für einen Fetisch der modernen Wissenschaft halten. Wer aber an der intersubjektiven Natur des Geistes festhalten und dennoch die Objektivität der Welt nicht preisgeben will, was könnte er tun? Er könnte ein Bündnis mit Hegel schließen, indem er zu zeigen versucht, dass die Strukturen des Geistes und der Welt aus einem Stück sind.

So ist es gekommen. Robert Brandoms Opus magnum über Expressive Vernunft (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2000) entwickelt eine umfassende Theorie des intersubjektiven Austauschs von Gründen. Dieser erscheint als die zentrale Börse der Vernunft, an der alle übrigen Elemente des Erkennens und Handelns ihren Wert als Bestandteile der menschlichen Orientierung erhalten. Die Interaktion unter den Teilnehmern wird hier durch eine wechselseitige Einschätzung darüber geregelt, worauf sie sich mit ihren Behauptungen einerseits festgelegt haben und zu welchen Aussagen sie andererseits berechtigt sind. Aus den Verbindlichkeiten dieser diskursiven Anerkennung entwickelt Brandom alle philosophischen Grundbegriffe, einschließlich desjenigen einer objektiven Welt. Diese, so will er zeigen, liegt nicht jenseits unseres Begreifens, sondern ist selber durch und durch begrifflich verfasst.

Selbst die größten Verfechter eines robusten Pragmatismus beschleicht hier ein Unbehagen. Jürgen Habermas etwa hat Brandom in seinem Buch Wahrheit und Rechtfertigung (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999) vorgeworfen, "die Architektonik des nachhegelschen Denkens auf den Kopf zu stellen". Mit seinem "Begriffsrealismus" werde der konstruktive Charakter der menschlichen Erkenntnis verfehlt. An die Stelle der erfahrenden Konfrontation mit einer kontingenten Welt, die sich in der Ausbildung möglichst angemessener Begriffe bewähren muss, trete eine bloße Nachbildung an sich seiender Gehalte. Brandom jedoch weicht in seiner kürzlich erschienenen Erwiderung um keinen Millimeter zurück. Er verwirft vielmehr das "positivistische Bild" einer Erprobung unserer Begriffe an einer begriffsfreien äußeren Welt.

Eckpfeiler dieser Operation ist der Begriff der Tatsache. Unter Tatsachen versteht Brandom den Inhalt wahrer Behauptungen. Behauptungen aber erhalten ihren Inhalt durch die Verwendung von Begriffen im Kontext der jeweils geäußerten Sätze. Der Begriff der Tatsache kann also nur zusammen mit dem der Behauptung analysiert werden. Jedoch darf diese begriffliche Abhängigkeit nicht als eine genetische verstanden werden. Die Welt erweist sich für Brandom als der Inbegriff aller Tatsachen, ganz unabhängig davon, wann und mit welchem Erfolg Gedanken über die Welt entstanden sind. "Es gab eine Zeit, in der noch niemand Begriffe gebrauchte, weil es noch keine diskursiven Praktiken gab. Aber es gab niemals eine Zeit, in der es noch keine Tatsachen gab." Daraus soll folgen, das weder Begriffe noch Tatsachen von der Existenz denkender Wesen abhängig sind. Die Theorie der diskursiven Praxis erscheint so in einem Atemzug als eine Theorie der Grundstruktur der Welt.

Vor diesem Schluss von dem Denken auf das Sein aber hatte Kant seinerzeit eindringlich gewarnt. Dass wir die Welt nicht anders als begrifflich denken können, heißt nicht, dass sie in sich selber begrifflich geordnet wäre.

Natürlich war die Erde rund, lange bevor jemand erkannte, dass sie es ist.

Aber was da Bestand hatte, war nicht eine Tatsache, wie nur diskursive Wesen sie feststellen können, sondern die Erde mit ihrer runden Gestalt (wie sie sich unserem Begreifen mittlerweile erschließt). Das Konstatieren von Tatsachen ist die Art, in der wir uns über Objekte und Ereignisse in Kenntnis setzen. Wer Objektivität, wie Brandom es will, allein "intersubjektivistisch zu sichern" versucht, verliert den Sinn dafür, wie abhängig der Austausch unter Subjekten vom Dasein unabhängiger Objekte ist. Martin Seel * Robert Brandom: Facts, Norms, and Normative Facts In: European Journal of Philosophy Blackwell Publishers, Oxford 2000 Jg. 8, Heft 3, ú 11.50