Das Drama, in dem Ruths Psyche gefangen ist, erhält seine Impulse aus dem großen Schweigen, in dem sich die Erblasten gleichsam atmosphärisch übertragen haben. Ihre Unversöhnlichkeit, ihre gewaltbereite Idiosynkrasie gegen Verbrämungen des Terrors sind durchgängig lesbar als Reflexe auf das von den Eltern Verdrängte, als Zeugnisse einer Kindesliebe, die, wenn sie es könnte, womöglich ins Leiden selbst noch eintreten würde: ein Kraftakt, der für den Rest der Welt nur wenig Einfühlung übrig lässt, bei der Heldin nicht und nicht bei der Autorin, auf deren mäßigenden Eingriff man 650 Seiten lang vergeblich wartet.

Dieser Roman, das Journal einer Schreckensreise, angefüllt mit Zahlen und Fakten des Grauens und den Bruchstücken einer Familientragödie, desavouiert sein Bestes - den Anspruch, Teilnahme zu erwecken und aufzuklären - durch eine bestürzende Nachgiebigkeit gegen den blanken Hass. Nicht, dass der Hass unbegreiflich wäre: Er gehört zu den menschlichen Affektlagen, kann, als Augenblicksventil, der Psychohygiene dienen, hat das Recht der Spontaneität.

Dass Ruth einem entsetzlichen Greisenpaar, dem sie die kargen Reste des Familienbesitzes - Fotos, den Mantel ihres Großvaters, ein Teegeschirr - für Tausende von Dollars abkaufen muss, mit Abscheu bis zur Vernichtungslust begegnet, ist verständlich. Verständlich, dass die Zeichen eines virulenten Antisemitismus, dem sich Polen reichlich spät zu stellen beginnt, Wut und Bitterkeit in ihr auslösen.

Verständlich ihr Ingrimm über den Auschwitz-Tourismus, über die Renaissance jüdischer Stereotypen im Andenkenkitsch und der Klezmer- und Schtetl-Mode.

Nachvollziehbar auch ihre Kälte gegen "gutwillige" Menschen, die aus Befangenheit, Naivität, Halbwissen die notwendige Sensibilität vermissen lassen. Das alles ist nicht aus der Luft gegriffen, man ahnt, dass hier reale Erfahrungen zugrunde liegen.

Nur: Diese Erfahrungen von einem Alter Ego bezeugen zu lassen ist die eine Sache. Ihre von nacktem Ressentiment gesteuerte Verallgemeinerung ins Grundsätzliche mit wohlwollender Neutralität zu begleiten, ohne ein Minimum an kritischer Reflexion: das ist die andere - und es sei hier behauptet, dass sie mit der intellektuellen Verantwortung einer Schriftstellerin nicht zu vereinbaren ist.

Was einem aus diesem Roman entgegenschlägt, ist ein Polenbild, das die Ewiggestrigen in hellstes Entzücken versetzen müsste: ein Volk von schmierigen und bestechlichen Troglodyten, dem "Hass und Alkohol" ergeben, frömmelnd und judenfeindlich bis ins Mark. Ihre Häuser sind verkommen, und wenn sich eines abhebt aus dem architektonischen Einerlei, haben es mit Sicherheit Juden gebaut. Nichts funktioniert, die Hotels sind mies, die Dienstleister süßlich-verschlagen oder patzig, geldgierig und diebisch dazu.