Körperliche Präsenz war zumindest in der klassischen Demokratie der griechischen Polis Voraussetzung für Teilnahme. Schließlich sollte auf dem Versammlungsplatz nicht nur abgestimmt, sondern auch debattiert werden. Mehr noch: Es kam darauf an, Stimmungen zu erzeugen. Wenn Menschen sich versammeln, setzen psychologische Gruppenprozesse ein, die weit über das wechselseitige Abwägen von Argumenten hinausgehen. Wenn nun ein griechischer Rhetor seiner Versammlung gegenüberstand, dann konnte er sie auch mitreißen, in den nächsten Krieg zum Beispiel. Was bei sorgsamer Beratung über die bloßen Argumente in Kleingruppensitzungen vielleicht nicht gelungen wäre. Ein Muster, das sich bis in unsere Tage erhalten hat, denken wir nur an die geschwollenen Halsadern Oskar Lafontaines auf dem Mannheimer Parteitag der SPD und seinen usurpatorischen Sieg über Scharping - ein psychologisches Ereignis, das physische Präsenz voraussetzte. Wer wollte das leugnen. Die Politik braucht den Körper, weil er ein Mittel der Überzeugung, der Überredung, von mir aus auch der Überrumpelung ist. Und wo Körper ins Spiel kommen, wird die Symbolik des Essens stark.

Der Mediävist Massimo Montanari zitiert eine Stelle bei Liudprand von Cremona (10. Jahrhundert), der von einem Prätendenten auf den verwaisten Thron Karls des Großen berichtet: Er hatte keine Chance, nachdem der Erzbischof von Metz feststellte "es kann einer nicht herrschen, der sich mit einem bescheidenen Mahl begnügt". Montanari: "Demselben Autor zufolge war der 'Beherrscher der Griechen' Nikephoros Phokas (Kaiser von Byzanz) eine verachtenswerte Gestalt, da er Gemüse liebte und genügsam war".

Den eigenen Machtanspruch durch physische Stärke zu demonstrieren, die sich nicht zuletzt in der ostentativen Vorliebe für deftige Fleischgerichte äußert - diese aus vormittelalterlicher Zeit stammende Symbolik jedenfalls wirkt noch heute in den öffentlichen Bildern Gerhard Schröders und seines Vorgängers. Ein kultureller Zug germanischen Ursprungs, der stets im Widerspruch mit der eher mediterranen Vorstellung lag, nach der sich die besseren Leute durch Mäßigung oder milde Askese auszuzeichnen hätten - auch hiervon ist in der Selbstdarstellung zeitgenössischer Politiker eine Spur zu erkennen, denken wir nur an den Außenminister, und so haben wir es durchaus mit zwei Stilen der Inszenierung zu tun, die auf unterschiedliche Wählergruppen zielen mögen.

Wie immer ist freilich zwischen der Rolle und dem Schauspieler zu unterscheiden, wissen wir doch, dass Gerhard Schröder Currywurst und "Flasche Bier" mitnichten für kulinarische Gipfelstürmerei hält. Was das Verhältnis von Joschka Fischer zur cuisine minceur angeht, können wir indes nichts Definitives beisteuern. Soviel zur Politik.

Und nun noch ein Hilferuf unseres Lesers Stephan O. Schaefer ( profesorvalencia@blabla.es ): "Wäre es Ihnen u.U. möglich, via Ihrer Ausführungen eine kleine Anfrage meinerseits weiterzuleiten bezüglich Bezugsquellen für deutsche Weine in Valencia / Costa Brava / Südostspanien?" - Um praktische Solidarität bittet

Ihr Gero von Randow

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