I M P F E N Streit um den Piks
Die Angst vor Kinderimpfungen ist unbegründet
Die Spritze ist schuld. Davon waren die Eltern überzeugt. Eine Woche nach der Mumps-Masern-Röteln-Impfung kletterte die Körpertemperatur des 15 Monate alten Jungen auf 40 Grad. Plötzlich zuckte er mit Armen und Beinen - ein Fieberkrampf. Die Anfälle kamen immer wieder, auch ohne Fieber. Die Kinderneurologen diagnostizierten eine schwer behandelbare Epilepsie.
Tatsächlich dürfte die Erkrankung des Säuglings nichts mit der Impfung zu tun haben. Der zeitliche Zusammenhang sei zufällig, sagt der Kinderarzt Alfred Nassauer vom Berliner Robert Koch-Institut und erklärt: "Das brüllende Kind nach dem Piks bleibt den Eltern stark in Erinnerung. Krankheiten, die nach einer Impfung auftreten, werden deshalb auf die Vakzine geschoben." Vor allem, wenn die Ursache unbekannt ist, meint der Mediziner, suchten die Eltern die Schuld oft bei der Impfung.
Über die Sicherheit des Mumps-Masern-Röteln-Impfstoffs MMR ist erneut eine heftige Debatte entbrannt. Autismus und Darmbeschwerden sollen durch die Injektion verursacht werden. Ausgelöst hatte den Streit eine Studie des Gastroenterologen Andrew Wakefield vom Londoner Royal Free Hospital über zwölf autistische Kinder, die zuvor mit der Kombinationsvakzine geimpft worden waren. Angeheizt wird die Auseinandersetzung durch ein weiteres Indiz: Seit Einführung der MMR-Impfung sind die Fallzahlen bei Autismus in die Höhe geschnellt. Seither grassiert vor allem in Großbritannien die Impfangst.
Unter den Experten gilt der Verdacht indessen längst als ausgeräumt: Bei 1,8 Millionen gegen MMR geimpften Kindern stellten Wissenschaftler der Universität Helsinki keine Häufung der Erkrankungen fest. In einer anderen Testreihe impften die Finnen von 581 Zwillingspaaren je ein Kind mit MMR; das andere erhielt eine Placebospritze. Das Ergebnis: Kein Fall von Autismus wurde festgestellt, bei der Placebogruppe traten sogar häufiger Darmbeschwerden auf. Eine kürzlich in den USA veröffentlichte Studie konnte ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfung entdecken. Eine Erklärung für die Angst fiel Experten des US-Center for Disease Control jedoch ein: Die Eltern würden den Autismus bei ihren Kindern in der Regel bemerken, wenn sie nicht richtig sprechen lernen - und dies falle mit dem Impfzeitpunkt zusammen.
Trotz entlastender Studien haben Impfexperten einen schweren Stand. "Bei vielen Eltern bleiben nur die negativen Botschaften haften", klagt Alfred Nassauer vom Robert Koch-Institut. Dabei verursachen die Krankheiten, gegen die geimpft wird, schlimme Symptome. Als warnendes Beispiel führen die Ärzte eine Glaubensgemeinschaft in den Niederlanden an, die das Impfen ablehnt. Knapp 3000 Mitglieder infizierten sich mit Masern, 17 Prozent der Erkrankten hatten Komplikationen, drei Kinder starben. Masern verursachen bei einem von 2000 Kindern eine Gehirnschädigung; im Falle von Jugendlichen sogar bei einem von 1000. In Entwicklungsländern sterben über 10 Prozent der Infizierten. Neben gutem Trinkwasser sind Impfungen nach Meinung von Gesundheitsexperten deshalb die kosteneffektivsten Maßnahmen, menschliches Leben zu verlängern.
Die meisten jungen Eltern in Europa jedoch "kennen die Schrecken der Krankheiten nicht mehr und meinen, die Impfungen seien überflüssig", sagt Johannes Löwer, Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, das zuständig ist für die Zulassung und Sicherheit der Impfungen in Deutschland. Ohne Nebenwirkungen seien die Impfungen zwar nicht, sagt Löwer. Doch handelt es sich in erster Linie um Fieber, Kopfschmerzen und Übelkeit. Seit dem 1. Januar gibt es eine Meldepflicht für solche Vorfälle. "Bisher haben wir keinen Anhalt dafür, dass Impfungen schwere Krankheiten verursachen", so der Experte. Löwers Sorge gilt vielmehr der unzureichenden Impfrate der Kinder hierzulande. Gegen Masern sind bei Schulende nur gut 80 Prozent der Jugendlichen geschützt. Dabei wären über 90 Prozent wünschenswert, weil sonst immer wieder Epidemien entstehen können.
- Datum 31.08.2006 - 05:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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