Ein Katzenkalender schmückt den Schreibtisch des Virologen Fuller Torrey. An der Wand seines Büros im Stanley Research Center im US-Bundesstaat Maryland hängt ein Katzenposter und auf dem Fensterbrett sieht man eine Katzenfoto. Dennoch hat Torrey unter Liebhabern der Haustiere nur wenige Freunde. "Eines Tages werden dich die Katzenbesitzer noch lynchen", sagt seine Frau immer wieder zu ihm.

Denn der Mediziner hat einen schrecklichen Verdacht. Er vermutet, die Haustiere könnten mitverantwortlich sein für die Verbreitung einer der häufigsten psychischen Krankheiten: Schizophrenie. Schuld daran sei ein Katzenparasit namens Toxoplasma gondii. Bisher galt der Erreger für Tiere wie Menschen als weitgehend ungefährlich. Mit zwei Ausnahmen: Wenn sich Frauen während der Schwangerschaft erstmals infizieren, kann das Gehirn ihres Kindes geschädigt werden. Und 30 Prozent aller Aids-Kranken erleiden eine Hirnentzündung, weil ihr Immunsystem den Erreger nicht mehr zügeln kann.

Doch jetzt das: Wenn der Sandkasten zum Katzenklo wird - Toxoplasmose wird mit dem Kot verbreitet -, drohen dem spielenden Kind womöglich schizophrene Störungen. Auch das Baby einer schwangeren Katzenhalterin könnte in Gefahr sein. Wo immer in den USA Torreys Botschaft publik wird, laufen die Telefone der Veterinäre und Krankenhäuser heiß.

Fuller Torrey ist kein Sonderling innerhalb der Forschergemeinde. Er gehört zu einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, die psychiatrische Krankheiten heute mit Infektionen in Verbindung bringen. Die meisten Geisteskrankheiten haben viele Ursachen. Bei den verschiedenen Varianten der Schizophrenie werden bisher Gene, Stress und die Überaktivität des Botenstoffs Dopamin verantwortlich gemacht. Und nun sollen noch bösartige Krankheitserreger im Spiel sein?

Etwa 800 000 Deutsche sind an Schizophrenie erkrankt. Das Leiden beginnt meist im Alter von 17 bis 30 Jahren und verläuft in Schüben, die Wochen, manchmal Monate dauern. Danach erholt sich der Patient wieder, jedoch nur selten vollständig. Bei den Betroffenen scheint jenes Hirnzentrum löchrig zu werden, welches das Ich zusammenhält. Außen und innen können sie dann nicht mehr unterscheiden. Eigene Gedanken werden als Stimmen aus dem Nirgendwo wahrgenommen, Trugbilder erscheinen, Verfolgungswahn treibt die Menschen um. Zehn bis fünfzehn Prozent der unter schwerer Schizophrenie leidenden Menschen begehen Selbstmord.

Bis in die siebziger Jahre versuchten Experten die Krankheit psychotherapeutisch zu behandeln, weitgehend vergeblich. Später erkannten die Psychiater das Erbgut als wichtigen Faktor für die Entstehung der Schizophrenie. Inzwischen ist eine familiäre Häufung und Vererbung der Krankheit in zahlreichen Studien nachgewiesen. Ist ein Elternteil schizophren, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder erkranken, rund zehn Prozent. Leiden beide Eltern unter der psychischen Störung, steigt der Anteil auf über 30 Prozent.

Die Suche nach einem Schizophreniegen blieb allerdings lange Zeit erfolglos. Einige Forscher vermuteten es auf Chromosom 5. Neuere Arbeiten ließen die Chromosomen 9, 11, 18 und 19 ins Visier der Genetiker geraten. Vermutlich sind gleich mehrere Gene an der Ausbildung der Krankheit beteiligt. Dank der Entschlüsselung des menschlichen Genoms können Wissenschaftler jetzt einzelne Genkandidaten analysieren. Im März entdeckte das Team des Würzburger Psychobiologen Klaus-Peter Lesch auf dem Chromosom 22 eine Mutation, die zu einer seltenen Form der Schizophrenie beiträgt.