Der Z. ist es gewesen, kein Zweifel, er war's. Im Urteil steht es ja, ganz glatt und wohlformuliert. Er ist ein Mörder. Ist Z. ein Mörder? Manchmal braucht es Zeit und mehrere Anläufe, bis jener archimedische Punkt gefunden ist, an dem sich die Welt der Justiz aus den Angeln heben lässt. Beim verurteilten Mörder Z. brauchte es 1446 Tage anwaltlicher Ermittlungsarbeit, dann war der Antrag zur Wiederaufnahme seines Verfahrens fertig.

Wer die Strafjustiz dazu zwingen will, sich mit einer Sache neu zu befassen, muss gute Argumente und noch bessere Nerven haben. Hat Justitia ihren Erkenntnisprozess in langen Verhandlungstagen abgeschlossen, lässt sie sich nicht mehr gerne aus der Selbstgewissheit reißen. Dennoch scheint es, als gelinge das dem Hamburger Verteidiger Gerhard Strate öfter als jedem anderen. Insgesamt acht Wiederaufnahmeverfahren von Schwurgerichtsfällen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben, drei davon gehen auf das Konto von Strate. Und jetzt wieder. Er ist auf dem Wege, zu widerlegen, dass der verurteilte Mörder Z. ein Mörder ist.

Z. wurde am 3. Juni 1996 von einem deutschen Schwurgericht für schuldig befunden, einen Freund, der ihm wegen 15 000 Mark Schulden zum Feind geworden war, erschossen zu haben, um die Rückzahlung zu vermeiden. Nachts an abgelegener Stelle soll er sich mit dem Opfer verabredet und es - im Auto sitzend - mit fünf Schüssen erledigt haben. Nach Überzeugung des Gerichts war Z. der Einzige, der wusste, wo der Getötete anzutreffen war. Der Einzige mit plausiblem Motiv und ohne plausibles Alibi. Belastet obendrein von einem Zeugen, der ihn mit der Waffe in der Hand vom Tatort flüchten gesehen und - als er in den Lichtkegel einer Straßenlaterne geriet - auch erkannt haben will. Die Addition all dieser Indizien ergab eine Verurteilung des Z. zu lebenslanger Freiheitsstrafe.

Allerdings hatte die Schwurgerichtskammer so manches nicht erforscht. Zum Beispiel, dass es Menschen gab, die ebenfalls Grund hatten, dem Opfer nach dem Leben zu trachten. Der Getötete gehörte zur Rauschgiftszene und war eben erst aus der Untersuchungshaft entlassen worden - weil er den Strafverfolgungsbehörden die Namen zweier Dealer verraten hatte. Ebenso war in der Hauptverhandlung unbekannt, dass der Belastungszeuge, auf den sich die Identifizierung des Täters stützt, jener Mann also, der den Angeklagten in der Dunkelheit davonhasten sah, auf einem Auge blind ist und dass sich solchermaßen Behinderte bei diffuser Beleuchtung auf ihr verbliebenes Auge keinesfalls verlassen können. Auch ein Geständnis hatte es nicht gegeben, weder Herkunft noch Verbleib der Tatwaffe waren geklärt und an den Händen des Z. keine Schmauchspuren gefunden worden.

"Zunächst muss sich jeder Verteidiger klar sein, dass unser Rechtsstaat zwar viele Mängel hat, im Ergebnis jedoch überwiegend die Richtigen trifft", schreibt Strate in der Fachzeitschrift Strafverteidiger. "Die Wiederaufnahme hat ihr Feld allein in dem minimalen Prozentbereich, in welchem Dummheit, Vorurteil und Hochmut sich schicksalsträchtig vermischen." Im Einklang mit der Staatsanwaltschaft hat das Gericht in diesem Winter die Wiederaufnahme des Verfahrens Z. für zulässig erklärt, und es sieht ganz danach aus, als falle der Kasus genau in jenen kleinen Prozentbereich des Justizirrtums, den Strate meint.

Gemeinhin vertraut der deutsche Bürger auf seine Justiz. Er weiß: Hier wird Wahrheit gefunden, Recht gesprochen, und der Böse kriegt seine Strafe. Der abendliche Krimi im deutschen Fernsehen endet mit der Festnahme des Mörders, alles Weitere wird seinen Gang gehen. Abspann. Im richtigen Leben beginnt dann die zweite Runde im Kampf um Schuld und Sühne. Es folgt der Auftritt des Verteidigers. Als Infragesteller zielstrebiger Ermittlungen, als Zweifler angesichts von Gewissheiten, als Kiesel im Räderwerk der Justiz und als einziger Verbündeter, der dem Beschuldigten noch geblieben ist. Während die Öffentlichkeit, meint der Universitätsdozent Franz Salditt, lediglich "den stolzen Turm der Gesetze und Einrichtungen" unseres Rechtsstaats sehe, sei es den Strafverteidigern vorbehalten, die Differenz "von Sollen und Sein" im Inneren von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten wahrzunehmen.

Wo der Krimi endet, fängt im Leben der Kampf um Schuld und Sühne an