Philosophie Der Sprengmeister Seite 2/2

Was in diesen Gedanken auf Taubenfüßen daherkommt, ist alles andere als harmlos. Es ist ein Sprengsatz. Wenn Sprachspiele zugleich Lebensformen sind, kann die Philosophie ihnen nicht gleichgültig gegenüberstehen. Kritisch ist der konservative Wittgenstein deshalb gegen alles verfügende und verstellende Denken, heute würde man sagen: gegen die symbolische Macht, die von den gesellschaftlichen Funktionssystemen ausgeht und unsere Sprech- und damit unsere Lebensweisen durchdringt. Vor den Sprachweltbildern und Totalitätsansprüchen, die die Wissenschaften immer unverhohlener anmelden, wäre Wittgenstein ebenso zurückgeschreckt wie vor jenen, die der sinnkritischen Sprachphilosophie den Rücken kehren und blind werden für die Tatsache, dass jede Wissenschaft einem nichtwissenschaftlichen Vorverständnis folgt. Doch mag die hohe Zeit der Sprachphilosophie vielleicht vorüber sein und die Anziehungskraft des linguistic turn schwinden; mag John Searle Recht haben mit der Bemerkung, die Philosophen des vergangenen Jahrhunderts seien für einen "kurzen, gloriosen Augenblick von der Sprache besessen" gewesen: Dieses Erbe Wittgensteins ist ebenso ungebrochen wie sein Beharren darauf, dass wir Zugang zu philosophischen Sachfragen nur gewinnen, wenn wir sie zunächst als ein grammatisches, als ein Sprachproblem erörtern.

Gewiss, die Bedeutung Wittgensteins erschöpft sich nicht in der fantastischen Subtilität seiner Sprachphilosophie. Die Faszination gilt einem Genie, das sein Leben als ein Kunstwerk des Erkennens organisierte und demütig darauf bestand, statt Antworten zu geben, lieber neue Fragen zu stellen, weil Antworten immer ungerecht seien gegenüber der verhandelten Sache. "Das Leben der Erkenntnis ist das Leben, welches glücklich ist, der Not der Welt zum Trotz." So wollte Wittgenstein seine Philosophischen Untersuchungen als Landschaftsskizzen verstehen, als eine "lange und verwickelte" Fahrt durch das Feld der Phänomene, die betrachtet, aber nicht zu wohlfeilen Abstraktionen verflüchtigt werden dürfen. Nichts darf beschönigt, aller Widerstreit muss ausgehalten werden; der Rest ist Verzicht und mentale Askese. Die einzige Gewissheit, die dabei zu erlangen ist, besteht darin, das Philosophieren jederzeit abbrechen und die Leiter wegwerfen zu können, um aufwärts zu verschwinden: ins Schweigen. Bis zuletzt unterschied er zwischen dem, was man philosophisch sagen und was sich "im Sehenlassen" nur zeigen kann. Doch erst vor dem Hintergrund des philosophisch Sagbaren kann das Unaussprechliche überhaupt erst zur Erscheinung kommen. Wittgensteins letzte Worte waren: "Sagen Sie meinen Freunden, daß ich ein wundervolles Leben hatte."

 
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