Jene berühmte Farce, in der Bertolt Brecht die Inquisitoren der McCarthy-Ära narrte, sich als Nichtkommunist und sein Werk als nichtkommunistisch deklarierte - am Tage nach seinem Verhör verließ er die USA -, ist Dokument der Lächerlichkeit und Bedrohlichkeit zugleich. Wie übrigens die gesamte "Akte Brecht" des FBI, die dieser Tage freigegeben wurde, aber zu Unrecht Furore macht, weil fast alle Details weitgehend bekannt, referiert und erörtert sind - sieht man ab von der Privatschnüffelei zwischen den Bettlaken von Brecht und Ruth Berlau oder einem abgehörten Telefonat mit Lion Feuchtwanger.

Weitgehend unbekannt jedoch ist, mit welch penibler Menschenverachtung - dabei übrigens Stasi-ähnlicher Dummheit - amerikanische Behörden wie FBI und CIA nicht nur antifaschistische Emigranten wie Thomas Mann, Hanns Eisler oder Theodor W. Adorno überwachten, sondern die literarische Elite der eigenen Nation

insgesamt 130 Schriftsteller. Ähnlich den Protokollen der sowjetischen oder ostdeutschen Zensur- und Überwachungsinstanzen, lesen sich Dokumente, Archivunterlagen und Abhörprotokolle der US-Instanzen wie eine "Geschichte der amerikanischen Gegenwartsliteratur" von unten: Die Verliese von Washington bergen endloses Material über die Nobelpreisträger Ernest Hemingway, William Faulkner, Pearl S. Buck und Sinclair Lewis, über Dramatiker wie Thornton Wilder und Tennessee Williams oder andere Größen der amerikanischen Literatur - ob John Dos Passos oder Thomas Wolfe, Truman Capote oder Nelson Algren.

Egal, ob aufgrund eines Buches, eines Stücks, einer Zeitungsreportage, der Unterschrift zu einer Petition, der Zugehörigkeit zu einer antifaschistischen Hilfsorganisation oder - strahlendes Zeichen der Bildung ihrer Informanten, zu denen in den vierziger Jahren Ronald Reagan als die Nummer T-10 gehörte - der Mitgliedschaft zum National Institute of Art and Letters, der nach dem Vorbild der Académie française gebildeten stolzesten Kulturorganisation der Vereinigten Staaten - verdächtig waren sie alle. Der amerikanische Mielke namens J. Edgar Hoover, Direktor des FBI von 1924 bis zu seinem Tode 1972, hatte sie alle im Netz seines Überwachungssystems, eingefangen von einem Heer anonymer Informanten und Denunzianten, die zwar ein Drama nicht von einem Roman und "liberal" nicht von "kommunistisch" unterscheiden konnten, aber mit dem niedrigstirnigen Fleiß aller Geheimdienstameisen zusammentrugen, was Nachbarn und Mätressen, Zeitungsberichte oder Rundfunkmitschnitte kolportierten.

Mal umfasst ein Dossier wie das über Sinclair Lewis 150 Seiten und weiß, dass sein Roman Kingsblood Royal "das zündelnste Buch seit Onkel Tom's Hütte ist", und mal sind es nur sieben Seiten über Tennessee Williams, dessen Endstation Sehnsucht bei seiner Broadway-Premiere 1947, horribile dictu, von einer kommunistischen Zeitung gelobt wurde

mal sind es 32 Seiten über den Pulitzerpreisträger Robert Lowell, dem der sowjetische Dichter Andrej Wosnesensky ein Gedicht gewidmet hat, und mal sind es 546 Seiten über Nelson Algren, der mit seinem, später mit Frank Sinatra in der Hauptrolle verfilmten Roman Der Mann mit dem goldenen Arm 1950 den National Book Award gewann

mal hatten die Agenten im Hause von Theodor Dreiser - 239 Seiten Dossier - einen Konfidenten und konnten neben seinen sexuellen Gewohnheiten so sicherheitsrelevante Details wie die Autonummer seines "grauen Plymouth Sedan, Baujahr 1940" ergattern, und mal halten 82 Seiten über John Dos Passos fest, was der Autor von Manhattan Transfer und der USA-Trilogie in zahlreichen Schriften über die Jahrzehnte hin publik gemacht hat: seine Entwicklung von einem anfangs das Proletariat schildernden Schr iftsteller mit Sympathien für die junge Sowjetunion und die spanische Republik zu einem für Trotzkij Asyl suchenden militanten Antikommunisten.