F I L M Eckermann des Exzesses

Backstage in den Siebzigern: "Almost Famous"

Von historischer Gerechtigkeit kann bei der Rollenverteilung zwischen Rockstar und Rockschreiber nicht die Rede sein. Während die einen auf der Bühne stehen, stehen die anderen dahinter. Während die einen mit Powerakkorden um sich werfen, üben die anderen sich in der Askese der Schrift. Während die einen also das pralle Rock-'n'-Roll-Leben leben, sind die anderen bloße Eckermänner des Exzesses. Eins allerdings haben die Autoren den Akteuren voraus: die Gnade der späteren Deutung. Das letzte Wort liegt bei dem, der es ergreift.

Wenn man, wie Cameron Crowe, vom Rockkritiker zum Hollywood-Regisseur aufgestiegen ist, deutet es sich noch etwas prächtiger. Almost Famous heißt sein jüngster Film, ein Sittengemälde der Siebziger, an denen Crowe als journalistischer Eleve und jugendliches Maskottchen im Rock-'n'-Roll-Zirkus aktiv beteiligt war. Crowe hat sie alle interviewt, die Großen und nicht ganz so Großen der Ära: Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell, Robert Plant, hat Geschichten über sie geschrieben in Creem, einem Underground-Blatt, später im Rolling Stone, der Mutter aller Musikmagazine. 15 war er, als er damit anfing. Mit 43 und den Augen der Kamera blickt er zurück.

Zu sehen sind: ein der eigenen Biografie nachempfundener Pubertand namens William Miller (Patrick Fugit), eine ebenso rockfeindlich eingestellte wie überbeschützende Collegeprofessorin als Mutter (Frances McDormand) sowie eine rebellische ältere Schwester, die die Liebe zur populären Musik in des Helden Herz einpflanzt, als sie ihm beim Auszug ihre Plattensammlung hinterlässt. Crowe entwickelt seine Story aus dem familiären Triangel heraus, in dem nur der Vater fehlt. Ersetzt wird er - im Film wie im Leben - durch Lester Bangs, den heiligen Trinker unter den Rockjournalisten, der gute Ratschläge für die ersten Schreibversuche auf den Weg gibt: "Sei ehrlich und gnadenlos" und: "Freunde dich niemals mit Rockstars an. Sie geben dir das Gefühl, cool zu sein. Aber Leute wie wir sind nicht cool."

Eine éducation sentimentale also, die an Fahrt gewinnt, als die Redaktion des Rolling Stone daheim anruft. Der Auftrag, ein Porträt der Gruppe Stillwater (eine fiktive Mischbildung aus den Eagles, den Allman Brothers und Lynyrd Skynyrd) zu schreiben, führt den jungen William ins innerste Sanctum, in den Backstage-Bereich - und gibt Crowe ausführlich Gelegenheit, Szenarien wie Personal der Siebziger abzutasten: Hysterie und Depression in kahlen Garderoben, Rivalitätskämpfe, Ego-Trips hinter den Kulissen, initiiert durch Agenten der Kulturindustrie, die sich dem vagabundierenden Männerbund als Manager andienen, dazu Fans, Einpeitscher, Türsteher in senfgelben Jacketts, selbstredend auch Groupies, die sich hier "Musen" nennen und die Band auf ihrem Endlostrip durch Provinzstädte, Konzertarenen und plüschige Hotelsuiten begleiten.

Von den vielen Episoden, in die Almost Famous zerfällt, ist der virulente Konflikt zwischen Star und Schreiber am deutlichsten herausgearbeitet. Crowe schildert ihn nahezu essayistisch als Wettlauf zweier Weltwahrnehmungssysteme: William, der Mittelstandssohn, schreibt wie besessen alles mit und droht darüber das Leben zu verpassen, der Gitarrist von Stillwater predigt eine postproletarische Religion der Authentizität ("Du musst es fühlen, Mann"), die, einmal hingeschrieben, ihre lächerlichen Züge preisgibt. Freilich sind die Widersacher auch geheime Komplizen, denn in der Story für das Musikmagazin, auf die es hinausläuft, ist beides Arbeit am Mythos des Rock 'n' Roll - was im Übrigen der historischen Realität entspricht: Die Zeit zwischen dem Idealismus der Sechziger und dem Nihilismus des Punk war auch die Konsolidierungsphase des Rockstar-Wesens, wie wir es kennen.

Die Spannung kulminiert in einer parallel geschalteten Groupie-Handlung, in der Kate Hudson das Mädchen Penny Lane gibt, welches den Gitarrenhelden liebt, um von ihm am Ende der Tour an konkurrierende Rocker verschachert zu werden - für eine Kiste Champagner. Einen Augenblick lang scheint der Tod einbrechen zu wollen in die Kulisse, ein Tablettentod in der Tradition von Hendrix und Morrison, den William, zum Manne gereift, verhindern muss. Am Ende bleibt aber auch dies in der Ersatzfamilie, die der Rockzirkus für ihn geworden ist, man tuckert gemeinsam im Tourbus der Sonne entgegen.

Einen "Liebesbrief" an die Siebziger hat Cameron Crowe seinen Film genannt, was auch insofern zutrifft, als er niemandem wehtut: seinem Helden nicht, den Musikern nicht, nicht einmal der Redaktion des Rolling Stone, der in seiner jüngsten Ausgabe den Stoff als Geschichte über die Geschichte einer Geschichte wieder aufbereitet hat. Almost Famous ist eine Revue, deren Stärke in der Wiedergabe von Stilgesten liegt. Zum Director's Cut der Epoche fehlt nicht nur ein Quäntchen Tragik, sondern auch die nötige Schärfe.

 
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