Philosophie

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Auch Bücher haben ein Alter, und wie die Menschen verändern sie sich mit ihm. In diesem Frühjahr haben die Minima Moralia von Thodor W. Adorno ihren fünfzigsten Geburtstag. Zwischen 1944 und 1947 - nach der gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten Dialektik der Aufklärung - im kalifornischen Exil entstanden, ist diese Sammlung von 153 "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" bis heute Adornos populärstes Buch geblieben. Mit einer Auflage von gut 100 000 Exemplaren führt es wie kein anderes die theoretische Befähigung und die künstlerische Begabung dieses Philosophen vor.

Dennoch sind die Minima Moralia ein Buch, mit dem heutige Leser alles verkehrt machen können. Das geschieht, wenn die in ihm gesammelten Stücke vorwiegend als Weiterführung der Dialektik der Aufklärung oder als Vorstufe der 1966 erschienenen Negativen Dialektik aufgefasst werden. Sie erscheinen dann als Bruchstücke eines vergeblichen Systems, das mit allen seinen dialektischen Künsten in immer derselben Sackgasse landet. Diese öffnet sich in der unbeantwortbaren Frage, die sich auch beim Lesen der Minima Moralia ein ums andere Mal stellt: Wie ist dieses Feuerwerk hellsichtiger Gedanken möglich, wo doch Autonomie, die Bedingung aller Hellsicht, nach Adornos eigenen Prämissen in der "verwalteten Welt" ganz unmöglich ist?

Historisch ist diese Aporie leicht zu erklären. Adornos Schriften aus den vierziger Jahren sind unter dem Schock des faschistischen Terrors geschrieben, vor dem er sich im amerikanischen Exil sicher wusste und den er doch in vielen Zügen der modernen Lebenswelt angelegt sah. Dies weitet sich bei ihm zu der Diagnose einer global organisierten Unmündigkeit aus - einer Diagnose, von der der Autor sich selbst nicht ausnehmen will und doch ausnehmen muss. Eine systematische Lektüre aber darf sich mit dieser Erklärung nicht begnügen. Sie sollte sich aus dem Widerspruch befreien, mit dem Adorno seine Leser gefangen nimmt. Sie sollte in der Gewaltsamkeit seiner Thesen eine literarische Technik erkennen, die keiner einzelnen Aussage das letzte Wort überlässt. Eine solche Lektüre behandelt die Minima Moralia als das, was sie sind: als eine Komposition von Aphorismen, in der nichts so steht, wie es sich auf den ersten Blick liest.

Dieses Verfahren lässt sich nirgends besser demonstrieren als an dem berühmtesten, längst sprichwörtlich gewordene Satz der Minima Moralia: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Er bildet die abschließende Sentenz eines über zwei Seiten langen Aphorismus, der den Schwierigkeiten gewidmet ist, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einzurichten. Für bare Münze genommen, wäre das ein rein zynischer Satz. Er liefe auf die Ausrede hinaus, da die Möglichkeit richtigen Lebens nun einmal verstellt sei, sei es ganz gleichgültig, wie man sein Leben gestalte. Adorno aber meint das Gegenteil. Anstatt sie aufzuheben, bekräftigt er die Differenz von richtig und falsch. Auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es für ein unverblendetes Dasein äußerst wichtig, sich denn Sinn für das Richtige nicht abkaufen zu lassen. Immer wieder überlegt Adorno, wie es am besten wäre, sich in schwieriger Lage zu verhalten. "Einzig listige Verschränkung von Glück und Arbeit läßt unterm Druck der Gesellschaft eigentliche Erfahrung noch offen", heißt es einmal. Adorno ist gewiss fixiert auf die destruktiven Tendenzen der Moderne, aber er gibt darüber den "Traum eines Daseins ohne Schande" nicht auf.

Mit diesem Traum freilich hat es eine besondere Bewandtnis. Adorno lässt sich von einem außerordentlich extremen Ideal des individuellen und gesellschaftlichen Lebens leiten. Dem Modell der Produktion, von dem er alles Leben - und Morden - unter den Bedingungen der Moderne geleitet sieht, stellt er ein Modell der Kontemplation gegenüber, unter dem Menschen und Dinge einander in unwillkürlicher Aufmerksamkeit begegnen könnten. Seine Kritik der Praxis erfolgt im Namen eines Zustands, der jenseits aller Nötigung zu absichtsvoller Koordination und Kooperation stünde. Nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten verstehen - dieser aberwitzigen Maxime folgt Adornos Denken. Man muss diesen Grundsatz nicht unterschreiben, um von der Genialität seiner Anwendung gefesselt zu sein.