F E R N S E H E N Dotwin für Deutschland

ProSieben lässt kleben und will damit Zuschauer binden. Was steckt hinter dem roten Bildschirm-Sticker?

Die Inspektion mit dem Küchenmesser bringt nicht viel Aufschluss: Hinter der Pappschicht liegt eine Alufolie, die an einigen Stellen mit einer rosafarbenen Schicht belegt ist. Das ist der magische "Film", der belichtet wird, wenn der Dotwin auf den Fernseher geklebt wird. Lässt man den Film eine Weile offen herumliegen, wird das Rosa zu Gelb. Und diese sechs Flecken sollen festhalten, was man im Fernsehen gesehen hat?

Für die, an denen die Dotwin-Welle bisher vorbeigeschwappt ist: Es geht um fünfmarkstückgroße Pappscheibchen, mit denen der Sender ProSieben seit der vergangenen Woche die Zuschauer an sich binden will. Die Regeln: Man muss bei bestimmten Sendungen (zwei davon stehen täglich zur Auswahl) das Scheibchen auf den Bildschirm pappen, an eine bestimmte Stelle und mit einer bestimmten Ausrichtung. Und dann darf man den Fernseher nicht ausschalten oder das Programm wechseln, bis die Sendung zu Ende ist. Sagt der Sender. Während dieser Zeit wird nämlich der Dotwin "aktiviert". Anschließend muss der Zuschauer das Scheibchen wieder versiegeln und es einsenden, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen.

Aber Obacht: Die eingesandten Dotwins müssen durch einen so genannten Reader, und der merkt angeblich genau, ob der Zuschauer zum Beispiel wirklich am vergangenen Sonntag fast drei Stunden lang den Film Das Kartell auf ProSieben gesehen hat - oder ob er heimlich zwischendurch bei Sabine Christiansen oder Günther Jauch vorbeigeschaut hat. Wer pfuscht, hat seine Gewinnchance verspielt, warnen die Macher.

"Eine so innovative Zuschauerbindungsmaßnahme hat es im deutschen Fernsehen bisher nicht gegeben", sagt Hans Fink, der beim Sender-Konglomerat ProSieben Sat.1 Media den schönen Titel "Head of Marketing TV-Activities" trägt.

Die Aktion ist bereits in Ländern wie Portugal und Australien gelaufen und war dort stets ein umwerfender Erfolg, erzählt Thomas Hohenacker, der das Verfahren erfunden hat und mit seiner Firma tvmiles vermarktet. Und auch in Deutschland bricht das Dotwin-Fieber aus, dafür sorgen schon die PR-starken Partner der Aktion: Die Papperl gibt es bei McDonald's (dort muss man dafür allerdings gleich ein ganzes Buletten-Menü verspeisen), an Shell-Tankstellen, bei der Deutschen Bank 24 und bei T-D1. Und täglich wird in Bild für das Preisausschreiben geworben, Promis wie der ProSieben-Talk-Moderator Andreas Türck lassen sich mit dem Scheibchen fotografieren und sind begeistert: "Endlich mal was ganz Neues. Das bringt auch mir Spaß!" Bei derart überzeugender Werbung besteht wohl kein Zweifel, dass die 50 Millionen Dotwins bald unters Volk gebracht sind.

Die Geschichte begann im Jahr 1993, als Thomas Hohenacker eine Freundin besuchte, die sich einen neuen Fernseher zugelegt hatte. Darauf klebte oben links noch ein Werbesticker, und durch den schimmerte der bunte Sat.1-Ball durch. Hohenacker überlegte sich, dass man doch ein gutes Geschäft machen könnte, wenn man einen Aufkleber entwickelte, der erkennt, was der Zuschauer guckt. Schnell war ihm klar, dass elektronische Lösungen viel zu teuer wären, und so kam der heute 45-Jährige auf die Idee mit dem lichtempfindlichen Film.

In der Werbepause darf man schon mal den Sender wechseln

Aber merken die unscheinbaren Scheibchen tatsächlich, was wir gucken? Können sie wirklich Sender, Programmtitel, Sendezeit und die Länge der Sendung aufzeichnen, wie die Firma tv miles behauptet? Die Filmschicht macht eigentlich keine Bilder, sondern sie entfärbt sich unter dem Einfluss von Licht. Der Grad der Entfärbung ist ein Maß für die Zeit, die der Film dem Licht ausgesetzt war. Das Scheibchen hat aber sechs Sektoren, die unterschiedlich belichtet werden können. Und genau das passiert auf dem Bildschirm: Die weißen Augen des grinsenden Dotwin-Symbols strahlen intensiver als der rote Körper. Weil das Männchen auch noch von Sendung zu Sendung seine Orientierung wechselt, lässt sich tatsächlich an dieser "Codierung" ablesen, ob der Zuschauer zur fraglichen Zeit ProSieben eingeschaltet hatte.

Aber muss man wirklich die ganze Sendung sehen, um gewinnen zu können? Thomas Hohenacker behauptet, das Verfahren sei exakt genug, um untreue Zuschauer auch dann zu überführen, wenn sie nur wenige Minuten abtrünnig waren. Mit einer Ausnahme: Weil in den Werbepausen das Logo nicht gesendet wird, kann man da schon mal schauen, was die Konkurrenz zu bieten hat. Wer es einfacher haben will, der kann am Dotwin-Spiel auch ganz ohne den Aufkleber teilnehmen - und ohne die ProSieben-Sendungen in voller Länge anzuschauen: Alternativ zählt man nur am Schluss der Sendung die eingeblendeten Dotwin-Symbole und schreibt die Zahl auf eine Postkarte. Dann sind die Gewinnchancen genauso groß.

Noch gibt es von ProSieben keine Zahlen darüber, wie viele Dotwins schon verteilt worden sind, und auch die Einschaltquoten zeigen noch keinen besonderen Ausschlag. Die Spielleidenschaft der Deutschen scheint aber geweckt worden zu sein, und sicherlich werden sie ihre Dotwins gewissenhafter "aktivieren" als die Australier - bei denen war jeder vierte falsch belichtet.

Schließlich verschafft die Aktion den Zuschauern im Zeitalter des Zapping ganz neue TV-Erfahrungen. Thomas Hohenacker: "Wir bekommen Rückmeldungen von Familien, die begeistert erzählen, dass sie sich endlich einmal wieder auf eine ganze Sendung eingelassen haben."

 
Service